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Proteste in der Bundesliga: „Etwas ins Rutschen gekommen“

Frankfurt/Main. Selten hatte die Fanszene in der Bundesliga ihre Protestkultur so gepflegt wie 2017/2018. Der Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte sieht positive Entwicklungen - und gibt den Vereinen einen Rat.

Proteste in der Bundesliga: „Etwas ins Rutschen gekommen“

Michael Gabriel fordert, die Fans noch viel stärker einzubinden. Foto: Frank Rumpenhorst

Mit den Fans ist es nicht immer ganz einfach, aber ohne sie geht es eben auch nicht. Dies ist eine Erkenntnis von Verbänden und Vereinen zum Ende einer von Protesten geprägten Bundesliga-Saison.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) auf der einen und die Anhänger der Clubs auf der anderen Seite haben sich aufeinander zubewegt - wenn auch nicht im höchsten Tempo. Bei der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) in Frankfurt/Main sieht man sehr wohl die Fortschritte, jedoch noch lange nicht das Ende eines schwierigen Prozesses. Für diesen Sommer ist ein bundesweiter Club-Fan-Dialog geplant.

„Wahrscheinlich war die Kommunikation zwischen dem Fußball und der Fanszene noch zu keinem Zeitpunkt so intensiv“, sagte KOS-Leiter Michael Gabriel der Deutschen Presse-Agentur. Die Verantwortlichen bräuchten aber „ein gutes Händchen, um die sportlichen, die wirtschaftlichen und die sozialen Interessen in ein gutes Gleichgewicht zu bekommen“.

Die Fans hätten ein ureigenes Interesse am Wohlergehen ihres Vereins und große Lust, sich zu engagieren. Zudem gebe es ungemein viele kompetente Anhänger, so der Sportwissenschaftler. „Es wäre den Verantwortlichen des Fußballs zu raten, die Fans noch viel stärker in die Strukturen des Vereins einzubinden. Davon können alle nur profitieren.“

Vor allem die Debatte um die Abschaffung der 50+1-Regel, die eine Komplettübernahme von Vereinen durch externe Geldgeber verhindert und so auch bestehen bleibt, und die ungeliebten Montagsspiele brachten zahlreiche Fans auf die Barrikaden. Immerhin: Auch beim neuen Fernsehvertrag von 2021 an soll es nicht mehr als fünf Partien zur ungeliebten Anstoßzeit unter der Woche geben. „Mit Blick auf die massiven Proteste rund um die Montagsspiele scheint da für sehr viele Fans einiges ins Rutschen gekommen zu sein“, urteilte Gabriel.

Dazu kommt das Unbehagen bei der Kommerzialisierung einer Sportart, bei der immer neue Ablöserekorde und Gehaltsrekorde gebrochen werden. Die in der „50+1 bleibt!“-Kampagne organisierten Gruppen fordern eine Grundsatzdebatte, da sich „der Profifußball in vielen Aspekten immer mehr von der Lebensrealität der normalen Leute entfernt“. Dennoch boomt die Liga: Die Wertediskussion scheint an einem Teil der zahlenden Kundschaft folgenlos vorüber zu gehen.

„Ja, die organisierten Ultras sprechen viele dieser Themen an, sie sind laut und bringen ihren Unmut in den Stadien zum Ausdruck, sie bilden aber nur einen kleinen Ausschnitt der öffentlichen Meinung und repräsentieren nicht die überwiegende Mehrheit der Fans“, erklärte DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“.

Gabriel sieht die Ultras hingegen als „Übermittler des Unbehagens großer Teile der Fanszene“. Der Weltmeister-Verband sah sich jedenfalls gezwungen, in manchen Punkten der Anhängerschaft entgegenzukommen: So wurden die vom DFB-Sportgericht immer wieder verhängten Kollektivstrafen für Vereine bei Fehlverhalten von Zuschauern ausgesetzt. Beim Reizthema Fan-Utensilien in den Stadien folgte das DFB-Präsidium einer Empfehlung der AG Fankulturen zu einer vorläufigen einheitlichen Freigabe.

Der für die Fan-Belange zuständige DFL-Direktor Ansgar Schwenken sagte: „Wir stehen uns nicht mehr so konfrontativ gegenüber, dass wir keine Lösungen finden können. In letzter Zeit hat sich etwas bewegt.“ Die Dachorganisation der 36 Proficlubs hat nach eigenen Angaben seit 2013 mindestens fünf Millionen Euro jährlich für Fanbelange ausgegeben, hauptsächlich für 34 Fanprojekte bundesweit.

Auch aus Sicht von KOS-Chef Gabriel haben die Interessen der Anhänger deutlich an Gewicht gewonnen. „Das ist auch gut so, denn es werden für die Zukunft des zuschauerorientierten Fußballs zentrale Fragen aufgeworfen: Auf der einen Seite stehen die Investoren und Medienkonzerne als Treiber im Milliardengeschäft Fußball, auf der anderen Seite die Millionen Fans aller Generationen im Stadion und als Mitglieder in den Vereinen, die dem Fußball gesellschaftliche Bedeutung geben.“ Der eingeschlagene Weg des intensiven Dialogs solle „unbedingt“ weiter verfolgt werden.

Für Curtius verlaufen die Gespräche respektvoll, „aber ich frage mich zum Beispiel auch: Was ist eigentlich Kommerzialisierung des Fußballs? Doch nicht, wenn Helene Fischer in der Halbzeit des Pokalfinales im Stadion singt - der DFB bekommt keinen Cent dafür. Für mich ist Kommerzialisierung, wenn auf der Bande ein chinesisches Unternehmen wirbt.“

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