Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige
Anzeige

Publikum verneigt sich vor Wolfgang Wagner

Bayreuth (dpa) Es war ein kurzer, ein würdiger, ein ergreifender Moment. Kurz entschlossen und selbst für engste Mitarbeiter überraschend zeigt sich Festspielleiter Wolfgang Wagner zu seinem Abschied nach 57 Jahren auf dem Grünen Hügel in Bayreuth doch noch seinem Publikum.

Publikum verneigt sich vor Wolfgang Wagner

Der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein überreicht Wolfgang Wagner einen Porzellanlöwen.

Die Zuschauer stehen nach der viereinhalbstündigen «Parsifal»-Aufführung von Stefan Herheim geschlossen auf, rufen «Bravo» und verneigen sich vor der überragenden Lebensleistung des Enkels von Richard Wagner. Auf seinem thronartigen Stuhl sitzend, die Hände auf den Stock gestützt, nimmt er 25 Stunden vor seinem 89. Geburtstag die minutenlangen Ovationen seiner Wagnerianer entgegen. Schwerfällig steht er auf und hebt dankbar für den Applaus die Hand.

Es ist der letzte Vorhang für einen Mann, der fast sechs Jahrzehnte lang die Welt der Musik geprägt hat. Am Montag bestimmt der Stiftungsrat seine Nachfolger, aller Voraussicht nach seine Töchter Katharina und Eva, die bei seinem Abschied an seiner Seite stehen. Als das Publikum das Auditorium verlassen hat, hebt Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) zu einer Laudatio an.

«Sie haben die Kunst und Kultur Europas geprägt und Maßstäbe für die Welt gesetzt», würdigt Beckstein die herausragende Persönlichkeit, die in diesem Augenblick die Bühne, seine Bühne verlässt. «Sie haben sich in das Buch der Weltkultur in großen Lettern eingetragen.» Mehrfach wiederholt Beckstein die Sätze «Sie haben Maßstäbe gesetzt!» und «Sie haben die Welt der Musik über Generationen geprägt!» Bevor er Wagner zum Dank für sein Lebenswerk einen bayerischen Löwen überreicht, richtet sich der Ministerpräsident an Wagners potenzielle Nachfolger. «Wolfgang Wagner überlässt der nächsten Generation eine große Aufgabe.»

Anschließend verabschieden sich Orchester und Chor mit zwei kurzen Stücken von ihrem langjährigen Chef. Ein Ruf nach Bayreuth zu kommen, ist für Musiker und Sänger, Regisseure und Dirigenten noch immer ein Ritterschlag. Ein letztes Händeschütteln gibt es nicht. Ein Podest aus dem «Parsifal»-Bühnenbild trennt die Familie und die wenigen Offiziellen von den Mitwirkenden auf der überdimensionalen Bühne. Katharina Wagner beendet den historischen Augenblick mit den kurzen Worten: «Mein Vater ist müde nach dem langen "Parsifal" und hoffentlich bis nächstes Jahr.»

Ungeachtet dessen feiert Wagner anschließend noch bis nach Mitternacht im kleinen Kreis, mit Beckstein, Bayerns Kunstminister Thomas Goppel und Patrice Chéreau, dem Regisseur des legendären Jahrhundert-«Rings». Die Inszenierung des jungen Franzosen aus dem Jahr 1976 ist das herausragende Beispiel für den Mut Wagners, die Festspiele für Regisseure von außen zu öffnen. Anfangs heftig umstrittenen, wurde der Chéreau-«Ring» nach fünf Jahren mit dem Rekordbeifall von 85 Minuten von der Bayreuther Bühne verabschiedet - Wagnersche Dimensionen eben und einzigartig in der Welt.

Festspielsprecher Peter Emmerich zieht unterdessen hinter den Kulissen eine positive Bilanz der letzen Spielzeit der Ära Wolfgang Wagner. Die diesjährige Neuinszenierung des Norwegers Herheim wurde von Medien und Publikum nahezu einhellig gefeiert und intensiv diskutiert. «Die Festspiele des Jahrgangs 2008 waren Festspiele neuer Offenheit», verkündet der langjährige Vertraute Wolfgang Wagners.

Diesjährige Höhepunkte waren neben den 30 seit langem vollständig ausverkauften Aufführungen auch eine neue Homepage mit Podcast-Angeboten und einem Video-Guide durch das Festspielhaus sowie das erste Public Viewing mit Katharina Wagners «Meistersingern» vor 38 000 Besuchern. Zeitgleich wurde die Aufführung per Livestream in das Internet gestellt, im späten Herbst soll sie auch als DVD erscheinen.

2009 wird es erstmals seit sieben Jahren keine Neuinszenierung geben. Das Programm umfasst - wie in diesem Jahr - «Parsifal», «Meistersinger», den «Ring des Nibelungen» von Tankred Dorst und Christoph Marthalers «Tristan und Isolde», mit der die 98. Festspiele am 25. Juli 2009 eröffnet werden. Diese Wagner-Oper soll im kommenden Jahr live auf den Volksfestplatz übertragen werden.

Einen Wermutstropfen verkündet Emmerich zum Schluss: «Die Eintrittspreise für das kommende Jahr müssen infolge massiv steigender Kosten moderat um acht Prozent erhöht werden.» Ungeachtet dessen war Wolfgang Wagner trotz der immensen Kartennachfrage immer bemüht, die Festspiele auch für den kleinen Mann offen zu halten. Seit den 50er Jahren gehören zwei Gewerkschaftsvorstellungen zu vergünstigten Preisen zur Tradition bei den Wagners.

THEMEN

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Bühne

Katarzyna Kozielska fühlt sich oft nackt bei Bühnenarbeit

Stuttgart (dpa) Frauen gibt es unter den Ballettchoreographen vergleichsweise wenige. Am Stuttgarter Ballett hat die Tänzerin Katarzyna Kozielska eine mögliche Erklärung dafür. An diesem Freitag zeigt sie ihr neues Stück.mehr...

Bühne

Wolfgang Wagner lenkt im Nachfolgestreit ein

Bayreuth (dpa) Mit der Lösung hatten Viele am wenigsten gerechnet - nun scheint sie die wahrscheinlichste: Die Geschicke der Bayreuther Festspiele lenkt schon bald möglicherweise ein Damen-Duo.mehr...

Bühne

Simone Young setzt den «Ring» fort

Hamburg (dpa) Nach dem erfolgreichen Start mit dem «Rheingold» setzt Hamburgs Opernintendantin Simone Young Wagners «Ring»-Zyklus in der kommenden Saison mit der «Walküre» fort.mehr...

Bühne

Wagner lenkt im Nachfolgestreit ein

Bayreuth (dpa) Mit der Lösung hatten Viele am wenigsten gerechnet - nun scheint sie die wahrscheinlichste: Die Geschicke der Bayreuther Festspiele lenkt schon bald möglicherweise ein Damen-Duo.mehr...

Bühne

Kraftvolle Rockoper um Liebe, Hass und späte Reue

München (dpa) Liebe und Hass, Habgier und Herrschsucht, Rache und Mord, späte Reue und Suche nach Erlösung: Die neue Rockoper «ChristO» mit der deutschen Rockband Vanden Plas zeigt die ganze Palette theatraler Gefühle.mehr...