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R.E.M.-Mitglieder sind nostalgisch und politisch aufgewühlt

Berlin. Die Band R.E.M. hat sich 2011 aufgelöst, die vier Mitglieder sind aber weiter Freunde. Vor 25 Jahren kam ihr Hit-Album „Automatic For The People“ heraus, das feiern sie mit einer Neuauflage. Nostalgische Gefühle verbinden die Musiker mit politischen Aussagen.

R.E.M.-Mitglieder sind nostalgisch und politisch aufgewühlt

Mike Mills (r) und Michael Stipe stupsen sich gegenseitig an. Foto: Britta Pedersen

Viele junge Leute hatten in den 90er Jahren ihr erstes Date, während im Hintergrund ein R.E.M.-Song lief. Mit Hits wie „Everybody Hurts“ oder „Man on the Moon“ erreichte die Band Kultstatus.

Das meistverkaufte Album der vier Musiker aus Athens im US-Bundesstaat Georgia ist „Automatic For The People“, das sie 25 Jahre nach der Veröffentlichung jetzt als Neuedition herausbringen. Darauf sind viele Songs zu hören, die sie damals als Demotapes aufgenommen haben.

Der Deutschen Presse-Agentur verraten Leadsänger Michael Stipe und Bassist Mike Mills, was sie Neues entdeckt haben, was sie von politischen Songs halten und ob sie die R.E.M.-Zeit vermissen.

Frage: Wie war es für Sie, die neue Edition zusammenzustellen - haben Sie manches auch neu für sich selbst entdeckt?

Stipe: Das Album mal wieder komplett durchzuhören, war das eine. Das hatte ich seit 25 Jahren nicht mehr getan. Das andere war, das gesamte Paket zusammenzustellen, tief ins Archiv zu gehen, Fotos von Anton Corbijn zu sichten. Ich hatte viele noch nie gesehen. Es war für mich sehr spannend, uns als junge Männer zu sehen, gewissermaßen aus anderer Perspektive des 21. Jahrhunderts.

Mills: Die Demotapes zu hören, war toll. Das war auch für uns ein Geschenk. Die Songs für „Automatic For The People“ sollten nicht zu sehr wie R.E.M. klingen, hatten wir uns damals vorgenommen. Daher haben wir viele Songs weggeworfen. Viele Demotapes klingen daher wie frühere R.E.M.-Songs.

Frage: R.E.M. war immer eine politische Band. Bei den MTV-Awards 1991 haben Sie T-Shirts getragen mit Botschaften wie „Trag ein Kondom“, „Alternative Energien jetzt“ und „Kontrolle von Feuerwaffen“. Das sind immer noch aktuelle Botschaften?

Stipe: Das Absurde ist, dass diese Slogans damals radikal waren und immer noch radikal sind. Von einem humanistischen Standpunkt aus betrachtet, sind das alles ziemlich offensichtliche Probleme. Als Amerikaner leben wir gerade in sehr dunklen Zeiten. Aber als Optimist denke ich, dass wir vielleicht schon am Boden dessen gekratzt haben, was wir als Nation ertragen können. Wir haben eine Minderheitsregierung an der Macht - hoffentlich nicht mehr lang. Wenn man so tief fällt, kann es nur noch aufwärts gehen.

Frage: Möchten Sie manchmal einen Song aufnehmen oder auf die Bühne gehen, um einen politischen Wandel anzuregen?

Stipe: Als Musikliebhaber höre ich keine Musik wegen politischer Dinge. Das passt nicht. Wenn Leute versuchen, politische Lieder zu schreiben, dann fällt das Ergebnis oft platt aus. Wenn Leute dagegen von Herzen oder aus einem Instinkt heraus schreiben und das politisch ist, dann hat es einen Nachhall. Musik ist ein emotionales Medium, das unser Herz berührt. Zu versuchen, eine politische Botschaft hineinzubringen, geht schief.

Frage: Aber das Thema bewegt Sie?

Stipe: Wir sind extrem politische Menschen und Amerikaner und werden zutiefst gedemütigt und erniedrigt dadurch, wofür unser Land gerade steht im Rest der Welt. Es ist eine Schande. Dafür haben wir keine Zeit - wir müssen doch vorankommen!

Frage: Sie sagen aber klar Ihre Meinung, was andere Künstler in diesem momentanen politischen Klima nicht tun, die reden nur über ihr Werk. Können Sie verstehen, dass ein Künstler seine Meinung für sich behält aus Angst, jemandem auf den Fuß zu treten?

Stipe: Jeder muss ja immer für sich festlegen, wofür er steht, das gilt ja nicht nur für US-Amerikaner, sondern auch für Deutsche, Europäer oder Chinesen.

Mills: In der freien Welt hat man die Wahl, ob man seine Stimme erhebt oder nicht. Natürlich bin ich dafür, dass es jeder tut, egal ob er Künstler ist oder jemand anderes. Demokratie funktioniert besser, wenn alle mitmachen. „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun!“ Das passiert gerade. Also ich respektiere, dass es Künstler gibt, die sich nicht politisch äußern, würde mir aber wünschen, dass sie ihre Plattform nutzen würden.

Frage: Was vermissen Sie aus Ihrer R.E.M.-Zeit?

Mills: Ehrlich gesagt, vermisse ich nichts. Wir haben alles erreicht, was wir uns erträumt hatten. Wir sind immer noch Freunde, wir treffen uns zum Abendessen, wir hängen zusammen rum...

Stipe: Wir stupsen uns gegenseitig an.

Mills: Sich anzustupsen, ist gut. Ehrlich, wir haben großes Glück. Wir konnten aus eigener Entscheidung zu von uns gewählter Zeit mit etwas aufhören. Das ist ein Geschenk, das viele nicht bekommen.

Stipe: Ich vermisse alles, wirklich. (lange Pause) Aber ich stimme Mike zu, wir haben es richtig gemacht. Wir haben die Band so beendet, wie wir sie gegründet haben: als Freunde.

ZUR PERSON: - Michael Stipe (57) musste in seiner Kindheit oft umziehen, da sein Vater beim Militär war, so lebte er auch kurz in Deutschland. Neben seiner Arbeit mit R.E.M. arbeitete er auch mit anderen Künstlern wie Patti Smith zusammen. Er ist Mitinhaber einer Filmproduktionsfirma und engagiert sich sozial.

-Mike Mills (58) stammt aus einem musikalisch geprägten Elternhaus. Auf der Uni lernte er Stipe und die anderen Bandmitglieder kennen. Sie brachen alle die Uni ab, um sich der Musik zu widmen. Schnell wurden sie mit R.E.M. zu Superstars, verkauften mehr als 85 Millionen Alben. 2011 trennte sich die Band in Freundschaft.

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