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Raus aus der Identitätskrise

WITTEN Einen Klassiker auf höchstem Niveau schenkte die Goetheanum-Bühne aus dem schweizerischen Dornach den Wittenern im Saalbau. Nur wenige Zuschauer kamen in den Genuss der Aufführung.

von Von Martin Schreckenschläger

, 15.10.2007
Raus aus der Identitätskrise

Die Darsteller leisteten eine hervorragende Arbeit.

Wenn auch im Entstehungsjahr des Stückes die preußischen Reformen noch 44 Jahre auf sich warten ließen, so reihte sich Lessings 'Minna von Barnhelm' doch der aktuellen Retrospektive ein.

Mit seinem Lustspiel führte der Verfechter von Toleranz starre Prinzipien und preußischen Ehrbegriff in all ihrer Absurdität vor Augen.

Mit knapp 50 verkauften Karten war nur ein Bruchteil der Saalmiete gedeckt, ganz zu schweigen von Reisekosten, dem anteiligen Aufwand für Bühnenbild und Probenarbeit oder gar einer Abendgage. Für die Künstler war es finanziell ein schmerzhafter Verlust, für alle, die es sich entgehen ließen, eine verpasste Chance, Theater einmal so zu erleben, wie es sein sollte!

Geradlinig, werktreu und schlüssig inszeniert

Geradlinig, werktreu und schlüssig inszenierte Peter Wolsdorf die Überzeugungsarbeit der jungen Minna (Andrea Pfaehler) im Kampf um die Liebe ihres Verlobten, des preußischen Majors von Tellheim (Torsten Blanke).

Diesen, wegen seiner Großherzigkeit im besetzten Sachsen der Bestechlichkeit verdächtigt, galt es, aus einer Identitätskrise zu befreien, denn des Postens und seiner Einkünfte verlustig, sah er sich ihrer Liebe nicht würdig.

Mit dem schlichten Bühnenbild Roy Spahns, seinen authentischen Kostümen, unterblieb jede reißerische Verfremdung oder künstlerische Egomanie. Weit entfernt waren die Darsteller vom Klischee des anthroposophischen Pathos, leisteten eine hervorragende Arbeit.

Ein Regen von Kleidungsstücken

Ein Regen von Kleidungsstücken, das finale Techtelmechtel der Franziska und ihres Wachtmeisters Paul Werner (Christian Peter) am Boden, sorgten für 'action' auf der Bühne und manches Detail brachte das Publikum zum Lachen.

Zwischen den Szenen fing Mendelssohns Violinkonzert die Emotionen auf. Eine gelungene Synthese aus schicksalhaftem Tiefsinn, verschwörerischer Komödie und zeitloser Kritik an ächtender Entwürdigung, frei von trivialen Moden. Bravo! Martin Schreckenschläger