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Reiner Kunze wird 75

Obernzell (dpa) Reiner Kunze verkörpert die deutsch-deutsche Geschichte wie nur wenige Künstler. In der DDR wurde der regimekritische Schriftsteller bespitzelt und gegängelt, bis er 1977 in die Bundesrepublik übersiedelte.

Reiner Kunze wird 75

Schriftsteller Reiner Kunze wird 75 Jahre alt wird.

Knapp zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer sieht Kunze wie viele andere eine zunehmende Bagatellisierung der DDR-Diktatur. «Man müsste ja blind sein, wenn man keine Verharmlosung beobachten würde», sagt der Autor, der am 16. August 75 Jahre alt wird.

Mit seiner Frau Elisabeth hat Kunze eine Stiftung gegründet, die zeigen soll, «wie im geteilten Deutschland die Mauer mitten durch den Menschen hindurchging». Nach dem Tod der Eheleute soll ihr Wohnhaus an der Donau im niederbayerischen Obernzell ein Dokumentations- und Ausstellungszentrum werden - eine «Stätte der historischen Wahrheit». Dafür sichten und kommentieren beide knapp 1000 zeitgeschichtliche Briefe sowie Stasi-Dokumente, Fotos, Filme und Tonaufnahmen.

Der in Oelsnitz im Erzgebirge als Sohn eines Bergarbeiters geborene Kunze musste in den 50er Jahren seine akademische Laufbahn an der Leipziger Universität aus politischen Gründen aufgeben. Vorübergehend blieb ihm nur ein Job als Hilfsschlosser, ehe er freiberuflicher Autor wurde. Im Jahr 1976 erschien dann der Prosa- Band «Die wunderbaren Jahre». Das Buch, das später ein Bestseller wurde, führte zum Ausschluss aus dem DDR-Schriftstellerverband.

Die Machthaber in Ost-Berlin waren froh, als die Kunzes das Land verlassen wollten: sie genehmigten den Ausreiseantrag im Frühjahr 1977 binnen Tagen. Kaum im Westen, erhielt Kunze die bedeutendste Literaturauszeichnung der Bundesrepublik, den Georg-Büchner-Preis. Seitdem lebt das Paar in der Nähe von Passau, wo Elisabeth Kunze damals Arbeit als Kieferorthopädin fand.

Kurz nach der Wende wurde Kunze die von der Stasi über ihn angelegten Akten übergeben - fast 3500 Seiten, die letzten Einträge stammten vom Oktober 1989. «Ich wollte die überhaupt nicht haben», berichtet er. Dennoch arbeitete Kunze die zwölf Ordner Blatt für Blatt durch, schrieb die Dokumentation «Deckname Lyrik» und enttarnte damit seinen früheren Freund und damaligen Ost-SPD-Vorsitzenden Ibrahim Böhme als Stasi-Informanten. Böhme verlor seine Posten und wurde aus der Partei ausgeschlossen.

Kunzes Bücher haben eine Millionenauflage erreicht und sind in 30 Sprachen übersetzt worden, selbst in Korea lesen die Menschen den deutschen Dichter. Im vergangenen Jahrzehnt ist er immer wieder gegen die Rechtschreibreform auf die Barrikaden gegangen. Auch nach der mittlerweile beschlossenen Reform der Reform kann Kunze der neuen amtlichen Schreibung nichts abgewinnen. «Es ist ein Chaos», sagt er. «Die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung ist zerstört, die Sprache wird eine lange Leidenszeit haben.»

Trotz der intensiven Arbeit an seiner Stiftung ist Kunze auch weiter als Lyriker aktiv. Erst kürzlich ist der Gedichtband «lindennacht» erschienen, im Herbst wird er auf Lese-Tour gehen. Zudem unterstützt er die Übersetzer, die sein jüngstes Werk in ihre Heimatsprachen übertragen. So wird Kunze auch seinen Geburtstag mit der Arbeit an seinem literarischen Werk verbringen, denn die französische Übersetzerin hat sich für einen Besuch in Niederbayern angemeldet. «Wir werden mächtig arbeiten», sagt Kunze. «Dann wird hoffentlich ganz unbemerkt der Geburtstag vorbeigegangen sein.»

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