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Russischer Botschafter: „Es gibt hoffnungsvolle Signale“

Berlin. Seit Beginn der Ukraine-Krise 2014 stecken die deutsch-russischen Beziehungen in einer tiefen Krise. Trotz aller Differenzen sieht der russische Botschafter in Berlin aber Grund zu Optimismus.

Russischer Botschafter: „Es gibt hoffnungsvolle Signale“

Der russische Botschafter Sergej Netschajew im Gespräch mit Journalisten der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Foto: Kay Nietfeld

Der festgefahrene Konflikt in der Ukraine, die Affäre um die Vergiftung des Ex-Spions Sergej Skripal, die unterschiedlichen Positionen in der Syrien-Krise: Die Liste der Differenzen zwischen Deutschland und Russland ist lang.

Der russische Botschafter in Berlin, Sergej Netschajew, sieht aber auch viele Gemeinsamkeiten. Deutschland und Russland könnten „mit gemeinsamen Anstrengungen in Europa sehr viel bewegen“, sagt er im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Frage: Wie würden Sie den derzeitigen Zustand der deutsch-russischen Beziehungen beschreiben?

Antwort: Das Verhältnis zwischen uns hat bessere Zeiten gekannt. Ich bin darüber ein bisschen traurig, aber nicht hoffnungslos. Ich bin nach den deutsch-russischen Treffen auf verschiedenen Ebenen im Mai sogar hoffnungsvoll. Frau Bundeskanzlerin hatte ein sehr substanzielles und freundliches Gespräch mit meinem Präsidenten. Dann war da der Besuch von Außenminister Maas in Moskau, der einige Vereinbarungen mit Herrn Lawrow abgeschlossen hat, die den besten Traditionen unserer bilateralen Beziehungen folgen. Wirtschaftsminister Altmaier war auch da und wir stehen an der Schwelle eines Besuchs einer Delegation des Bundestags. Es gibt also hoffnungsvolle Signale.

Frage: Außenminister Maas hat Russland als „zunehmend feindselig“ bezeichnet“. Ihm wird ein neuer, harter Kurs gegenüber Moskau nachgesagt. Was spüren Sie davon?

Antwort: Was den Besuch angeht, kann ich absolut klar sagen: Er war konstruktiv und substanziell und es fielen keine Begriffe wie Feindseligkeit oder Gegnerschaft. Es ging hauptsächlich darum, wie wir das bilaterale Verhältnis weiter vorantreiben.

Frage: Die Äußerungen sind also für Sie abgehakt?

Antwort: Die früheren Äußerungen haben wir natürlich gelesen und zur Kenntnis genommen. Aber ich finde, dass die Atmosphäre jetzt wieder positiv ist.

Frage: Die russlandfreundlichsten Parteien in Deutschland sind die AfD und die Linkspartei. Welcher der beiden Parteien fühlen Sie sich näher?

Antwort: Wissen Sie, vielleicht haben die Kollegen aus der Linkspartei mehr Tradition. Sie sind historisch gewachsen aus der früheren PDS und anderen Parteien. Aber ich habe Respekt vor allen Parteien. Und wenn es ein interessantes Vorhaben in Bezug auf Russland gibt, will ich das gerne unterstützen - egal, woher es kommt.

Frage: Im Streit um das Atomabkommen mit dem Iran sind Deutschland und Russland erstmals seit langer Zeit wieder einer Meinung in einer wichtigen internationalen Frage. Lässt das beide Länder wieder zusammenrücken?

Antwort: Russen und Deutsche kennen einander sehr gut. Wir haben in der Nachkriegsgeschichte sehr viel gemeinsam erreicht. Mehr noch: Wir haben das politische Klima in Europa bewegt in Richtung Entspannung, Annäherung und Zusammenwachsen Europas. Das bedeutet, dass wir auch heute mit gemeinsamen Anstrengungen in Europa sehr viel bewegen können. In vielen Fragen der Außenpolitik können wir Anknüpfungspunkte finden. Und das betrifft nicht nur Iran, sondern beispielsweise auch Syrien, wo wir nicht profund auseinanderliegen.

Frage: Wie sieht es mit der Ukraine aus?

Antwort: Beim Besuch von Herrn Maas in Moskau wurde über das Normandie-Format und ein eventuelles Ministertreffen gesprochen. Dieses Treffen muss gut vorbereitet sein, denn Ministertreffen gibt es normalerweise nur, wenn substanzielle Entscheidungen getroffen werden können. Bis jetzt sehen wir nicht so viel Stoff für einen solchen Durchbruch, denn wir erleben in der jüngsten Zeit einige Provokationen seitens Kiew.

Frage: Erwarten Sie, dass Deutschland und die EU ihre Sanktionen gegen Russland aufheben?

Antwort: Das liegt nicht an uns. So weit ich höre, sind in der deutschen Bevölkerung bei weitem nicht alle mit diesen Sanktionen zufrieden. Die Sanktionen machen schon müde und sie schaden nicht nur uns, sondern auch der Bundesrepublik.

Frage: Julia Skripal, die zusammen mit ihrem Vater vergiftete Tochter des Ex-Agenten Sergej Skripal, hat kürzlich in einem Interview gesagt, dass sie sich eine Rückkehr nach Russland vorstellen kann. Halten Sie das für möglich?

Antwort: Warum nicht? Sie ist russische Staatsangehörige. Soweit ich aus den Massenmedien weiß, hat sie in Russland eine Wohnung, sie hat sogar einen Freund sowie einen Hund. Warum also nicht?

Frage: Können Sie sich vorstellen, dass die wegen der Affäre Skripal ausgewiesenen Botschaftsmitarbeiter irgendwann wieder zurückkehren?

Antwort: Dann müssen die Initiatoren dieser Ausweisung anerkennen, dass die ganze Affäre für die Katz war. Sie müssten anerkennen, dass das ein großer Fehler war oder eine große Lüge. Sie müssten das Rad der Geschichte zurückdrehen und sagen: Sorry, liebe Russen, wir haben einen Fehler begangen. Wenn Sie sich das vorstellen können, dass die britischen Freunde das offen zugeben, dann schließe ich nichts aus.

Frage: Gehen Sie davon aus, dass deutsche Politiker zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Russland kommen?

Antwort: Die brauchen ganz bestimmt meine Ratschläge nicht. Aber die Weltmeisterschaft ist als Sportfest konzipiert. Ich bin sicher, dieses Sportfest wird ein Fest des Friedens, der Verständigung und der Annäherung. Und wir heißen alle herzlich willkommen in Russland.

ZUR PERSON: Der 64-jährige Sergej Netschajew ist seit Anfang des Jahres russischer Botschafter in Berlin. Der Germanist spricht exzellent Deutsch. Schon als Schüler begeisterte er sich für deutsche Literatur, sein deutschsprachiger Lieblingsautor ist Erich Maria Remarque („Im Westen nichts Neues“). Seine diplomatische Karriere begann Netschajew 1977 zu Zeiten des Kalten Krieges in Ost-Berlin, der damaligen Hauptstadt der DDR. In den 1990er Jahren kehrte er nach Deutschland zurück, war zwischen 2001 und 2003 Generalkonsul in Bonn und wurde später Botschafter in Österreich. Im Januar berief Präsident Wladimir Putin ihn auf den Botschafterposten in Berlin.

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