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Ruth Klüger wird Literatur-Botschafterin in Israel

Frankfurt/Main (dpa) ­ Als 13-Jährige floh das jüdische Mädchen Ruth Klüger mit ihrer Mutter aus einem Konzentrationslager. Als 77-Jährige wird sie nächstes Jahr Botschafterin für deutsche Literatur in Israel.

Ruth Klüger wird Literatur-Botschafterin in Israel

Ruth Klüger wird Botschafterin für deutsche Literatur in Israel.

Das neue Kapitel in ihrem bewegten Leben verdankt die 1947 in die USA emigrierte Autorin und Literaturwissenschaftlerin der Reich-Ranicki-Gastprofessur für Germanistik an der Universität Tel Aviv. Klüger will als erste Inhaberin der am Sonntagabend im Frankfurter Römer verliehenen Professur versuchen, den Studenten die deutsche Literatur «wieder nahe zu bringen». Aus verständlichen Gründen sei diese in Israel lange ignoriert worden, sagt sie. Doch die Studenten versäumten etwas, würden sie deutsche Autoren meiden.

Selbst erfuhr Klüger die Kraft der Literatur nicht erst als Germanistik-Professorin in Princeton und der Universität von Kalifornien. Als die Nationalsozialisten die Juden in ihrer Geburtsstadt Wien aus dem öffentlichen Leben drängten, sie weder Schule noch Freunde besuchen konnte, las Klüger deutsche Klassiker. Bald kannte sie Schiller-Balladen auswendig. Als sie als Kind ins KZ Theresienstadt und später nach Auschwitz und Christianstadt deportiert wurde, sagte sie für sich Verse auf und verfasste eigene Gedichte.

In ihrem 1992 erschienenen Bestseller «weiter leben» schildert sie ihre Jugend, die Flucht mit ihrer Mutter von einem Todesmarsch und in welchem Ausmaß ihr Sprache und Literatur ein Überleben ermöglichten. «Sentimentalität liegt Ruth Klüger fern», sagt Literaturkritiker Uwe Wittstock («Die Welt»), der sie im Römer als Gastprofessorin vorstellte. Sie stehe für genaue Beobachtung und genaue Gedanken. «Schonungslos ist sie auch sich selbst gegenüber.» In diesem Jahr erschien ihr zweites biografisches Buch «unterwegs verloren» über ihr späteres Leben. Sie berichtet über Anfeindungen an der Universität, das schwierige Verhältnis zu ihren Söhnen oder wie sie sich die in ihren Arm tätowierte KZ-Nummer entfernen ließ. Ihre Freundschaft zu Martin Walser kündigte sie 2002 öffentlich, weil sie dessen Buch «Tod eines Kritikers» für antisemitisch hält.

Klüger redet nicht durch die Blume ­ was sie im Römer praktisch demonstrierte. Auf ihren Wunsch wuchtete Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) ein Gesteck vom Rednerpult, das Klüger verdeckte. Einen Stuhl lehnte sie ab. «Man liest besser, wenn man steht», sagte die zierlich gewachsene Klüger freundlich, aber resolut. Sie sei dies nach Jahren der Lehre gewohnt. Als Professorin hatte sie in der Fachwelt schon einen Ruf, bevor sie sich nach einem Gastaufenthalt in Göttingen zum Schreiben ihrer Jugendbiografie entschloss und sich beim breiten Publikum einen Namen machte.

Dem Buch half damals auch eine Besprechung in der von Marcel Reich-Ranicki geprägten ZDF-Sendung das «Literarische Quartett». Als Reich-Ranicki 2006 die Ehrendoktorwürde der Universität Tel Aviv erhielt, schufen Frankfurter Bürger und Stiftungen die nach ihm benannte Gastprofessur für deutsche Literatur. Reich-Ranicki verbindet mit Klüger, sich in Zeiten der Verfolgung an Literatur gehalten und sich ein Leben lang mit ihr beschäftigt zu haben. Seinen Respekt für sie machte der wortgewaltige Kritiker im Römer deutlich, in dem er sich selbst zurücknahm und nur einen kurzen Dank «von Herzen» an sie aussprach.

Große Hoffnungen verbinden die «Freunde der Universität Tel Aviv» in Deutschland mit Klüger. Präsident Ernst Gerhardt sagte, sie werde bei der mühsamen Aufgabe helfen, dass deutsche Literatur in Israel «allmählich geliebt werden kann».

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