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Schämt sich Frankreich für den Marquis de Sade?

Paris (dpa) Der Marquis de Sade war ein Skandalautor. An seinen 275. Geburtstag erinnert in seinem Heimatland niemand. Schämt sich Frankreich für das Erbe des Vaters des Sadismus?

Schämt sich Frankreich für den Marquis de Sade?

Eine zeitgenössische Darstellung des französischen Adligen Donatien Alphonse François de Sade - bekannt als Marquis de Sade. Foto: Wikimedia Commons

Frankreich weiß gewöhnlich seine verstorbenen Literaten und Philosophen mit Ausstellungen, Kolloquien und zahlreichen Neuerscheinungen über Werk und Leben zu würdigen. Für Marquis de Sade gibt es jedoch nicht einmal einen Eintrag im Jahrbuch der nationalen Gedenktage 2015.

Die Werke des Vaters des Sadismus unterlagen jahrzehntelang der Zensur. Frankreich scheint sich mit dem Erbe des Sohnes aus adligem Hause schwerzutun - obwohl es mittlerweile zu den Klassikern der erotischen Literatur gehört.

Schon der 200. Todestag im vergangenen Jahr - der Libertin starb im Alter von 74 Jahren in einer Irrenanstalt am 2. Dezember 1814 - wurde nur bescheiden gewürdigt. Mit einer Ausstellung im Pariser Orsay-Museum zeigte man den Einfluss des Skandalautors auf die Malerei. Unter dem Titel «Sade. Attaquer le soleil» (Sade. Die Sonne angreifen) sollte auf dezente Weise illustriert werden, dass de Sade die Darstellung von Lust- und Gewalt in der Kunst befreit hat.

Wichtige Bücher über den Autor der Werke «Die 120 Tage von Sodom» und «Philosophie im Boudoir» wurden in Frankreich nicht veröffentlicht. Nur der Schweizer Historiker Volker Reinhardt hat sich in seinem Werk «De Sade oder Die Vermessung des Bösen» näher mit der Seele des Literaten beschäftigt. 

Orgien, Sodomie, Inzest, Mord, sexuelle Gewalt: De Sades Streben nach sinnlicher Lust kannte keine Grenzen. Wegen seines ausschweifenden Lebens und seiner Blasphemie verbrachte er viel Zeit hinter Gittern. Dort schrieb er auch die meisten seiner Werke - in winziger Schrift aus Mangel an Papier.

De Sades Werke sind eine Mischung aus Pornografie, Versuchsanordnungen sexueller Praktiken und philosophischem Traktat, denn der Adlige - dessen Schönheit die Frauen veranlasst haben soll, sich schon nach dem Knaben umzudrehen - verstand sich als Befreier moralischer und intellektueller Fesseln. Für ihn war die Sexualität Antriebskraft geistiger Auseinandersetzung mit der Welt.

Im Laufe der Zeit haben sich bedeutende Literaten und Künstler mit dem aristokratischen Moral-Verächter auseinandergesetzt. Positivere Bewertung erfuhr er durch die Schriftstellerin Simone de Beauvoir. Über ihn verfasste die Philosophin den Essay «Soll man de Sade verbrennen?». Darin schreibt sie: «Sades nicht hoch genug einzuschätzendes Verdienst ist es, angesichts der Abstraktionen und Entfremdungen, die nichts anderes sind als Flucht, die Eigentlichkeit des Menschen gefordert zu haben.» Als Vertreterin des Existenzialismus sieht sie in dem Wüstling einen überzeugten Atheisten, der keine andere Referenz als sich selbst kennt.

Auch die Surrealisten haben versucht, das Erbe de Sades zu rehabilitieren. André Breton hat ihn zu einem der Ahnen der Avantgarde-Bewegung gemacht. In den 90er Jahren wurden seine Werke in der renommierten Buchreihe «Pléiade» veröffentlicht, in Frankreich die höchste Ehre, die einem Autor zuteilwerden kann.

Nach einer Rue Marquis de Sade oder einem Denkmal sucht man in Paris dennoch vergeblich. Dem kriminellen Libertin wird wohl nie vergeben werden, wie der Sade-Biograf Guy Endore schrieb. 

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