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Schauspielerei als Lego-Spiel

Interview mit Matthias Matschke

Als Stammgast in der Comedy-Serie „Ladykracher“ wurde Matthias Matschke einem breiten TV-Publikum bekannt. Mittlerweile hat er sich quer durch alle Genres etabliert.

Köln

, 24.02.2018
Schauspielerei als Lego-Spiel

Uwe Barschel, Hagen Pastewka, Professor Jasper Thalheim — nur einige Rollen, die Matthias Matschke verkörpert hat. © dpa

Herr Matschke, ich habe über Sie mal gelesen, es sei Ihre große Kunst, sich in Rollen hineinzuschleichen. Sehen Sie das als Lob?

Ich würde das als Definition der Schauspielerei an sich empfinden. Natürlich funktionieren manche Schauspieler auch über ihre unveränderlichen Kennzeichen wie Brille, Nase oder so, aber letzten Endes ist es wirklich die Aufgabe, sich in die Rolle reinzuschleichen. Es bringt ja nichts, sie frontal anzugreifen, sondern es ist besser, sie sich langsam zu nehmen. Nehmen wir meine Figur Hagen Pastewka, der ja eigentlich lustig rüberkommen soll, aber ich muss ihn als Schauspieler schon ernst nehmen, um ihn gut spielen zu können. Das ist mein zweites Credo: Nimm den, den Du spielst, immer sehr ernst, übernimm Verantwortung für ihn.

Aber man entdeckt doch auch Figuren, die einem ähnlich sind. Und ist dann in Versuchung, denen auch ein bisschen der eigenen Persönlichkeit mitzugeben.

Mache ich ja auch ständig. Letztlich spiele ich ja mein Leben lang nur Lego. Ich habe Zweier-, Vierer oder Achtersteine, dicke, dünne, manchmal auch Ecksteine. Und die werden beliebig kombiniert. Aber die Steine sind von mir gefertigt. Meine Stimme, meine Mimik, meine Gestik. Oder nehmen wir an, es gelte, den Zuschauer zu umwerben. Dann macht man ein Mixtape von sich, wie man in meiner Generation sagte. Mit den schönsten Songs, am besten selbstgemacht. Und dann sagt man: Hier für Dich.

Fühlen Sie sich mit allen Kollegen am Set immer gleich wohl?

Ich glaube schon, dass die Menschen merken, wenn es zwischen den Akteuren eine schauspielerische Entsprechung gibt. Das ist natürlich auch bei der Arbeit hilfreich. Nehmen wir wieder das Bild vom Umwerben, vom Rendezvous. Wie spricht man da miteinander? Es ist schon so, dass die Mitspieler, wenn ich nach Köln fahre, oft Anke Engelke oder Bastian Pastewka heißen. Und das ist eine große Gnade, die ich aber in dem Moment gar nicht registriere. Oft weiß ich erst im Nachhinein, wie gut es mir geht. Dann gehe ich nach Hause und sage: Das war aber ein schöner Tag heute. Welcher Arbeitnehmer kann das schon von sich behaupten? Es gibt natürlich auch sehr anstrengende Drehtage.

Ihre Figur Professor T. lacht nicht so viel. Da spielen sie jemanden, der komplett einen an der Waffel hat. Fällt es Ihnen leicht, Menschen mit Psychosen zu spielen?

Das hat mich nicht zu interessieren. Interessieren muss mich nur: Was treibt den? Das kann man wertfrei sehen. Und Zwänge kenne ich ja auch. Die U-Bahn ist mir oft zu eng, Leute stehen mir zu nah, ich muss mal wieder diesen oder jenen Griff anfassen. Es geht aber bei Typen wie Pastewka oder Professor T. darum, dass sie manche Pegel einfach immer zu hoch drehen. Wie beim Mischpult Höhen oder Tiefen.

Ihr Beruf lässt Ihnen immer weniger Zeit, sich auszudrücken, weil die Szenen immer kürzer werden…

Natürlich heißt es etwas für die Schauspieler, ob sie 4 oder 40 Sekunden am Stück gesehen werden. Aber auch 4 Sekunden können Spaß machen. Die Herausforderung durch Regisseur und Kameramann, in immer neue Ästhetiken gepresst zu werden, ist groß. Aber ich lasse mich da durchaus gerne reinpressen, wenn es kreativ ist. Unser Regisseur kommt dann durchaus mal auf die Idee, einen Kran für die Kamera zu bestellen und ich denke mir: Warum aus dieser Entfernung drehen? Aber dann merke ich, dass es eigentlich eine tolle Idee war. So etwas fordert und provoziert mich. Das lässt mich nicht lahm werden.

Sie stehen auch gern auf der Bühne, wo man ganz anders agiert. Wäre es nicht schön, wenn man ihnen auch im Fernsehen mal die Möglichkeit gäbe, sich zwei Minuten lang richtig ausspielen zu können?

Ich spiele mich auch so aus. Man darf nicht in Sekunden denken und ständig darüber sinnieren, was man vielleicht nicht erzählen konnte. Ich glaube, man muss viel mehr auf die Schauspielkompetenz der Kamera vertrauen. Wenn man dann noch etwas darüber hinaus erzählen will, dann wird es unheimlich Deutsch im Spiel. Nach dem Motto: „Ich hab aber noch eine Botschaft“, um es mal polemisch zu sagen. Ich merke oft, dass mich ausländische Produktionen – ja, auch amerikanische – deshalb begeistern, weil die Darsteller nicht diesen Anspruch haben, als Schauspieler auch nochmal ausdrücken zu müssen, was man im Bild bereits sieht. Film ist ein ästhetisches Medium, das sich überwiegend durch das Bild und die Akkustik erzählt. Und da muss ich dann als Darsteller reinspielen.

Bei Ihnen geht es mir so, dass ich fast lieber zuhöre als zuschaue.

Mir hat mal ein älterer Kollege zugeraunt: „Es reicht manchmal, einfach anwesend zu sein.“ Da ist viel dran. Nicht diese „Ich fülle jetzt den Raum-Präsenz“, sondern einfach darauf zu vertrauen, dass man auch passiv Präsenz zeigen kann.

Man hat schon das Gefühl, dass Menschen, die in der Öffentlichkeit stattfinden – ob Schauspieler oder Popstars – ein Charisma haben, das sie in einer großen Menschenmenge identifizierbar macht, ohne dass man unbedingt ihren Namen kennt. Spüren Sie das auch beim Gang durch die Stadt?

Es ist wahrscheinlich so. Ich würde mir persönlich aber eher wünschen, im Allgemeinbild zu verschwinden, weil ich so gerne beobachte. Wenn man aber immer der ist mit der Lampe an, ist das eher schwierig. Und man kann sich auch nicht mit der Kassiererin im Supermarkt streiten, weil sie unfreundlich ist.

Sie machen einen eher gelassenen Eindruck. Würden Sie sich denn gern mit einer Kassiererin streiten, wenn sie unfreundlich wäre?

In jedem Fall. Und ich würde mich ärgern, wenn ich es nicht täte. Ich erwische mich auch immer wieder dabei, wie ich Streitgespräche führe, die 8 oder 9 Jahre zurückliegen. Mit Kollegen, mit Kassiererinnen und anderen. Ich frage mich dann oft: Warum habe ich damals nicht dieses oder jenes gesagt? Gelassener würde es mich also machen, wenn ich schlagfertiger im Augenblick wäre und nicht später darüber nachdenken müsste, wie es schlagfertiger gegangen wäre. Ich brauche zudem eine gewisse Umtriebigkeit, um gelassen zu bleiben.

Wer so gern beobachtet wie Sie es tun, müsste eigentlich selbst mal ein Theaterstück schreiben.

Ich bin es eigentlich auch gewohnt, selbst mitzugestalten. Das war schon damals in der Volksbühne so. Ich habe schon immer Texte für mich selbst geschrieben, viel auch zu meiner Zeit als Standup-Comedian. Ich kann mir also durchaus vorstellen, mal einen Film zu schreiben. Aber nur in Teamwork, weil sonst diese Selbstpeinigung kommt, nach dem Motto „Verdammt, Dir fällt nix ein, haste aber auch verdient“.

Aber Mitspracherecht haben Sie heute doch kaum.

Das ist sicherlich so, und manchmal ist das auch gut so, wenn man merkt, dass man nicht schlauer ist als der Autor oder zumindest die Möglichkeit in Betracht zieht, dass man es nicht ist. Wenn Autoren oder Regisseure gut sind, hören sie einem zumindest zu und erwarten eine Erklärung für Änderungswünsche. Manchmal, wenn mein Geldbeutel knapp ist, mache ich aber auch einfach, was mir gesagt wird...

Matthias Matschke stand seit September 2017 erneut als „Professor T.“ vor der Kamera. In Köln wurden vier weitere Folgen der gleichnamigen ZDF-Krimiserie gedreht, die der Sender nach einem sehr populären belgischen Vorbild gestaltet hat. Auch in den vier neuen Folgen, die voraussichtlich spätestens im Mai gesendet werden, berät Jasper Thalheim, eigensinniger Universitätsprofessor der Kriminalpsychologie, die Kripo Köln bei kniffligen Kriminalfällen und überrascht alle mit ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden.