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Schlingensief stellt «Zwischenstand der Dinge» vor

Berlin (dpa) «Die Prognose für diese Sache ist nicht gut», verkündet Christoph Schlingensief als seinen «Zwischenstand der Dinge», als er im Berliner Maxim-Gorki-Theater einen kurzen Auftritt in seinem eigenen Theaterprojekt hat.

Schlingensief stellt «Zwischenstand der Dinge» vor

Regisseur Christoph Schlingensief verarbeitet weiter künstlerisch seine Krebserkrankung.

Er zitiert dabei seinen Arzt, als der ihm Anfang des Jahres die Krebsdiagnose offenbarte («Er hat lieb geredet»). Mit Schauspielern wie Margit Carstensen und Angela Winkler und seiner gewohnten Laienschauspieltruppe setzt sich der 48-jährige Regisseur und Künstler («Das deutsche Kettensägenmassaker») mit seiner Krankheit auseinander, wie er es auch schon bei der Ruhrtriennale in Duisburg mit seinem Projekt «Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir» getan hat.

«Wenn dein Leben sich in eine Tragödie verwandelt, versuche sie als Zuschauer zu betrachten.» Zu den Zuschauern des ersten von drei ausverkauften Abenden gehörten auch Freunde und Weggefährten wie die Schauspielerin Irm Hermann und die Grünen-Politikerin Antje Vollmer.

Schlingensief, der nur einen kurzen Auftritt hat und nur ein paar Sätze auf der Bühne spricht («Auf Wiedersehen ist die schönste Drohung, die ich mir vorstellen kann»), rekapitulierte noch einmal den Schrecken und die Fassungslosigkeit nach der Krebsdiagnose - einschließlich der Selbstmordgedanken. Er schwankt zwischen Todessehnsucht und Überlebenswillen. Dabei lässt er auch Szenen aus dem Krankenhaus verfremdet nachspielen. Aus dem Off ist sein Audiotagebuch über jene persönliche Horrorzeit zu hören. Alte Schmalfilmaufnahmen aus seiner Kinderzeit oder fiktive Interviews seiner Mutter («Mein Sohn mochte mich nicht») kombiniert er mit der Musik aus Richard Wagners Oper «Parsifal» («der reine Tor»), die Schlingensief 2004 in Bayreuth inszeniert hat und in der es heißt, «die Wunde schließt der Speer nur der sie schlug».

Vielleicht ist es die «Liebesleidenschaft», von der er meint, «befreit» werden zu müssen. «Vielleicht habe ich mich auch selbst zu wenig geliebt.» Es wird ein bedrückender Abend, wenn der früher so umtriebige Aktionskünstler darüber öffentlich sinniert, wie er «fliehen» könnte - «in den Kopf schießen, in die Badewanne gehen, aus dem Fenster springen, Tabletten nehmen oder nach Afrika abhauen».

Erst kürzlich hatte Schlingensief verkündet, er plane in Afrika die Errichtung eines «Festspielhauses». Eigentlich «hätte ich es noch eine Weile weitergetrieben, aber es ist vorbei, das ist nicht pathetisch, nur einsichtig, realistisch... Ich will nicht unter gehandicapten Überlebenskünstlern weiterleben, nein, irgendwie ist es vorbei.» Die Erschütterung im Zuschauerraum bleibt nicht aus, wenn Schlingensief vom Krankenbett aus mit tränenerstickter Stimme immer wieder ruft «Bitte nicht berühren!».

Auf einem kleinen Programmzettel zu der einstündigen Uraufführung betont der in Berlin lebende Schlingensief die Bedeutung der Kunst für seinen Heilungsprozess und seinen Überlebenswillen: «Es liegt alles in der Arbeit. Mir ist noch mal viel klarer geworden, was für einen heilenden Aspekt das Ganze hat. Und das, finde ich, ist der einzige Grund, wieso ich das mache.» Und Schlingensief erinnert sich an die Worte seines Arztes: «Sie werden ein neues Leben leben. Es wird allerdings anders als das bisherige sein, ohne große Pläne über ein Jahr hinaus.» An diesem Abend herrschte zum Schluss langes Schweigen vor leerer Leinwand, bevor starker und herzlicher Applaus einsetzte.

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