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Schmerzempfinden wird im Gehirn bewertet

Grünendeich (dpa/tmn) Kaum jemand legt sich freiwillig auf ein Nagelbrett oder rennt über 40 Kilometer ohne Pause - angenehm ist etwas anderes. Fakire und Marathonläufer gelten jedoch als Experten, wenn es darum geht, den Schmerz bewusst auszuschalten.

Schmerzempfinden wird im Gehirn bewertet

Eine Frage der Einstellung: Ob der Stich mit einem spitzen Gegenstand schmerzt, kann jeder bis zu einem gewissen Grad selbst steuern. (Bild: Remmers/dpa/tmn)

Ein Mensch muss aber kein Hochleistungssportler sein, um die Wahrnehmung von Schmerzen bewusst zu beeinflussen. «Schmerz ist die emotionale Reaktion auf eine Bewertung im Kopf», erklärt Rüdiger Fabian, Präsident der Deutschen Schmerzhilfe im niedersächsischen Grünendeich. Diese Bewertung sei bei jedem Menschen individuell steuerbar.

Der Weg des Schmerzreizes gibt Aufschluss darüber, warum jeder Mensch Schmerz anders wahrnimmt. Reizrezeptoren geben das Signal an das Rückenmark, erklärt Prof. Rolf-Detlef Treede, Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS) in Boppard in Rheinland-Pfalz. Das zentrale Nervensystem leite den Schmerzreiz an das Gehirn weiter. Dort werde das Signal unterschiedlich verarbeitet.

«Das Gehirn muss entscheiden, was wichtig ist und was nicht», sagt Fabian. Schmerz sei ein biologischer Schutzmechanismus, dessen Signal auf seinem Weg ins Gehirn immer Vorrang vor anderen Reizen bekommt. Der Schmerzreiz lässt sich aber schon auf dem Weg dorthin beeinflussen - zum Beispiel durch Medikamente. Das weiß jeder, der zum Zahnarzt geht, sagt Treede. «Die lokale Betäubung verhindert, dass der Schmerz das Gehirn erreicht.»

Wichtiger ist allerdings die Verarbeitung des Schmerzreizes im Gehirn selbst - denn hier nimmt nicht nur die Narkose Einfluss. «Das Gehirn kann lernen, dass ein bestimmter Schmerz nicht so wichtig ist», erklärt Treede. Schürft sich jemand den Arm auf, sähe das meist schlimm aus - der Betroffene wisse aber, dass die Verletzung harmlos ist. Das Gehirn reagiere auch mit Gewöhnung auf Schmerz. «Es gewöhnt sich zum Beispiel irgendwann an die heiße Kaffeetasse am morgen.»

Wie man den Schmerz bewertet, könne trainiert werden, sagt auch Prof. Walter Zieglgänsberger vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Dafür müssten Schmerzpatienten aber selbst aktiv werden. «Das Gehirn hat keine Löschtaste.» Jeder Schmerz hinterlasse Spuren im Gehirn. Deshalb sei es für Patienten nach der Behandlung mit Medikamenten wichtig, Dinge zu tun, die sie früher wegen der Schmerzen vermieden haben. So überspeichere das Gehirn alte Schmerzerinnerungen mit neuen positiven Verknüpfungen. «In solchen Fällen ist die Angst vor Schmerz schlimmer als der Schmerz selbst.»

Doch nicht nur bei chronischen Erkrankungen spielt Angst eine Rolle für das Schmerzempfinden. Vor allem bei Kindern zeigt sich, dass die Angst oft größer ist als der Schmerz selbst. Verletzen sich Kinder, hänge die Schmerzäußerung auch von der Reaktion der Eltern ab, erklärt Ulrich Fegeler vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Köln. «Je lauter und kürzer das Kind schreit, umso harmloser ist in der Regel die Verletzung.» Eltern sollten daher nicht panisch reagieren, wenn sich das Kind einmal verletzt, rät Fabian. «Zuversicht gibt dem Kind das Gefühl, dass die Verletzung nicht schlimm ist.» Das mindere den Schmerz oft schon erheblich.

Für echte Extremsituationen stellt der Körper selbst die stärksten Schmerzmittel zur Verfügung. Marathonläufer schafften es, den Schmerz abzuschalten, erklärt Schmerzforscher Zieglgänsberger. Das Gehirn schütte in diesem Fall Endorphine und Adrenalin aus, die den trainierten Läufer im sogenannten «Runner's High» unempfindlich gegen Schmerzen machen. Bei ernsten Verletzungen reagiere der Körper ähnlich. «Bei einem Verkehrsunfall sorgen Endorphine zum Beispiel dafür, dass man trotz einem Bruch die Beine bewegen kann, um aus dem Auto zu kommen.»

Die Ausschüttung von Botenstoffen sei jedoch nicht nur in Ausnahmesituationen möglich, sagt Zieglgänsberger. Ein Beispiel dafür seien Placebo-Medikamente, die ohne pharmazeutische Wirkung das Schmerzempfinden von Patienten verändern. «Das ist dann eine Sache der Überzeugung des Betroffenen.» Andersherum nähmen amputierte Patienten oft Phantomschmerzen wahr, die keinem Reiz entspringen. «Das Gehirn erinnert sich und nimmt den Schmerz wahr.» Auch die Gene spielen letztlich eine Rolle. «Manche Menschen empfinden wegen einer besonderen genetischen Anlage von Geburt an gar keinen Schmerz.»

Die körpereigenen Schmerzhemmer lassen sich nicht nur für Marathonläufer auslösen, sondern auch durch die eigene Vorstellungskraft. Wer längerfristig das Schmerzempfinden beeinflussen möchte, lernt aber am besten, den Schmerz nicht zu fürchten - und ihn nicht schlimmer zu bewerten, als er tatsächlich ist, sagt der Schmerzforscher aus München. «Das kann jeder - mit einem wachen Geist und eigener Initiative.»

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