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Heiko Mühlbauer: Mein persönlicher Beitrag

SCHWERTE Schwerter Bürger lesen Besuchern des Welttheaters den kompletten Faust vor. Bereits als die Meldung in der Redaktion auf den Tisch kam, stand mein Entschluss fest: Da mache ich mit. Lesen kann jeder, das macht Spaß.

von Von Heiko Mühlbauer

, 31.08.2008
Heiko Mühlbauer: Mein persönlicher Beitrag

Heiko Mühlbauer liest Faust.

Soweit zur grauen Theorie. Aber im Ernst, wann haben Sie das letzte Mal etwas vorgelesen? Wer nicht gerade kleine Kinder hat, liest leise. Und Werke mit Reim und Versmaß stehen bei mir eher selten auf dem Bücherwunschzettel. Beim Workshop vor dem Welttheater erklärt Initiator Christoph Falke vom Studio 7 kurz Ablauf und Sinn: Es gibt immer zwei Akteure, einer liest, einer führt Hausarbeit vor. Denn im Obergeschoss des Künstlerhauses „Zwischenraum“ wollen wir eine Wohnzimmer-Atmosphäre schaffen. Wie früher, als noch vorgelesen wurde.

Da es sich aber um Theater handelt, stellen wir auch Fragen. Welche? Initiator Christoph macht Vorschläge, lässt aber auch eigene Ideen zu. Schließlich passt ja irgendwie alles zum Schlüsselwerk der deutschen Literatur. Mein persönlicher Beitrag zum Welttheater besteht also aus einmal Bügeln und einmal Lesen. Eingebettet in eine ganze Reihe von Ruhrstädtern, die mitmachen wollen. Von der Hausfrau und Mutter über den Oberarzt und die Lehrerin bis zum Rechtsanwalt. Jeder liest anders, manche mit großem Engagement, fast szenisch – andere eher ruhig und betulich.

Das Publikum besteht aus jeweils fünf Zuhörern, die alle zehn Minuten wechseln. Eigentlich kein Fall für Lampenfieber. Aber als ich dann im eigentlich ausrangierten Sonntagsanzug aus den 90-er Jahren (ein bisschen Kostüm muss sein) vor meinem ersten Minipublikum sitze, läuft mir Schweiß den Rücken runter. Und das liegt nicht nur am muckelig warmen Polyester-Stoff des Anzugs. Die ersten fünf Minuten lassen sich gut an. Die Szene vor dem Tore, lange Abschnitte, das lässt sich schön lesen. Dann wechselt Goethe das Versmaß, ich leider nicht. Die fünf Zuhörer lassen sich nichts anmerken, während ich in den Sprachrhythmus zurück stolpere.

Als ich den Kindern vor Jahren den Räuber Hotzenplotz vorgelesen hab‘, ist mir das nie passiert. Beim zweiten und dritten Abschnitt läuft es flüssig. Ich hätte nie gedacht, dass ich in meiner halben Stunde bis zur Pudelszene komme. Und die macht dann richtig Spaß. Eine ganz andere Qualität hat das Agieren am zweiten Tag. Heute liest Monique, ich darf zuhören und bügeln. Ohne Strom, ist ja nur Theater. Ganze sechs Handtücher streiche ich in der halben Stunde glatt. Und irgendwie fühle ich mich jetzt wie ein Teil des Publikums und kann Monique zuhören, bei der Szene im Auerbachskeller. Diesmal höre ich einen ganz anderen Faust als den meinen. Und da erschließt sich die Faszination des Theaterexperiments. Eigentlich hätte man allen Vorlesern einmal zuhören müssen. Denn der Klang und die Betonung des Vorlesers geben dem Stück eine eigene Qualität – ganz, ganz anders als wenn man leise liest.

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