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Schwertes ältestes Kochbuch steckt voller Grusel

1832 gedruckt

Suppe von Sperlingen oder Spatzen und der Schildkröte schnell die Gliedmaßen abhacken: Ein gehöriger Hauch von Grusel geht von Schwertes wohl ältestem Kochbuch aus. In Geisecke haben wir mit der Besitzerin dieses historischen Werkes hineingeschaut - und uns gegruselt.

GEISECKE

, 27.10.2016

Ulla Weiß (72) aus Geisecke gehört das heutzutage gruselig anmutende Kochbuch. Suppe aus Spatzen? Offenbar vollkommen normal. Und das Rezept gibt sogar genaue Hilfestellung für die Bemessung der Vögel: „Man rechnet auf die Person zwei Vögel“, empfahl die Anleitung. Wenn man sie nach dem Kochen nicht in der Suppe schwimmen lassen wollte, „so legt man sie in diesem Falle zierlich auf einen Teller und streuet geriebene Semmel darüber“. Schließlich wollte auch die Dekoration gelernt sein. Im Jahre 1832, als der Verlag Carl Friedrich Amelang in Berlin das Werk herausgab.

„Ich vermute, dass es kein älteres Kochbuch in einem Haushalt hier gibt“, sagt Ulla Weiß. Von einer Tante ihres Ehemanns, die in Wien lebte, hat sie das historische Druckwerk bei der Wohnungsauflösung gerettet. In einem Format, das nur wenig größer als ein Gebetbuch in der Kirche ist, gibt es auf 283 Seiten „gründliche Anweisung, wie man ohne Vorkenntnisse alle Arten Speisen und Backwerk auf die wohlfeilste und schmackhafteste Art zubereiten kann“. Im Anhang finden sich sogar Tipps für die Hausschlachtung von Schweinen und die Wursterei.

Kochanweisungen, die wie Foltertipps anmuten

„Das Buch muss genutzt worden sein, sondern wären die Flecken nicht drin“, erklärt Ulla Weiß. Zwar hat sie dem Werk stilecht einen Platz im Regal der Anbauküche gegeben – direkt neben der alten Kurbel-Kaffeemühle: „Aber zum Nachkochen ist es nicht empfohlen.“ Denn Manches gleicht für die pensionierte Lehrerin aus heutiger Sicht eher „Halloween-Rezepten“: „Wenn man es vorliest, dann schütteln sich die Leute.“ Beispielsweise beim Frikassee von der Schildkröte, der man einen heißen Stahl auf den Rücken legen müsse, damit sie Kopf und Füße aus dem Panzer herausstrecke, „welche in diesem Augenblicke abgehauen werden“.

Noch grausamer sind die Tipps, um Tauben wie ein Rebhuhnbraten schmecken zu lassen: Ohne ins Detail gehen zu wollen - für die Tiere war es unnötige Qual und ein Tod durch Ersticken. Dazu noch der praktische Tipp der Autorin: Damit niemand der Gäste merkt, dass sie dort Taube und nicht Rebhuhn vor sich haben, könne man die Köpfe verschwinden lassen. Der „Gebackene Igel mit Ragout“ besteht dagegen nur aus Milchbrötchen.

Die Essenden in Klassen eingeteilt

Genauso wenig zimperlich ging die Autorin allerdings in ihrem Vorwort auch mit dem Menschenbild um, wenn sie die Küche in soziale Klassen einteilte. In der ersten, herrschaftlichen und der zweiten, geprägt von höherem Wohlstand, sollten die Speisen Gaumen und Augen befriedigen. Bei der dritten, der bürgerlichen, ginge es nur noch um den Geschmack. Und über die ärmeren Menschen, die jeden Taler zweimal umdrehen mussten, „lässt sich, in Hinsicht der Kochkunst, weiter nichts sagen“.

Die Autorin
Sophie Wilhelmine Scheibler (1749-1829) wurde als Tochter des „Amtschirurgus“ von Berlin geboren.
Um mehrere Ecken verwandt war sie mit Henriette Davidis (1801-1876) aus Wengern, die als berühmteste Kochbuchautorin Deutschlands gilt.
Im Raum Berlin war Scheibler ähnlich bekannt wie Davidis in Westfalen.

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