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Als Geisecke von der Bahn abgekuppelt wurde

Vor 35 Jahren wurde der Bahnhof Schwerte/Geisecke geschlossen

Vor 35 Jahren hielt der letzte Personenzug in Geisecke. Dann wurde der Bahnhof geschlossen und abgerissen. In jüngerer Zeit gab es aber auch wieder Überlegungen für einen Neubau.

von Reinhard Schmitz, Reinhard Valtwies

Geisecke

, 15.05.2018
Als Geisecke von der Bahn abgekuppelt wurde

Eine Diesellok zog den letzten Zug, der am 28. Mai 1983 im Bahnhof Geisecke anhielt.Huber © Foto: Heinz Huber

Ein Western-Regisseur würde wohl dramatisch die Spitze des Stiefels zeigen, die von der Waggontreppe zum buckligen Geisecker Bahnsteig hinabgleitet. Am 28. Mai 1983 ereignete sich dort der denkwürdige Moment: Um 14.52 Uhr entstiegen die Passagiere dem letzten Personenzug. Danach wurde der Haltepunkt aus dem Fahrplan gestrichen.

Keiner stieg beim letztem Halt aus

Zwei Eisenbahnfans – so berichtet Wolfgang Güttler von den Eisenbahnfreunden Schwerte – wollten sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Per Anhalter trampten sie nach Langschede (dessen Bahnhof übrigens gleichzeitig geschlossen wurde), um die finale Bahn zu erwischen, die aus Neuenrade kam. Nur sieben Minuten dauerte das Fahrvergnügen in den grünen, nahezu menschenleeren Altbau-Personenwagen, gezogen von einer türkisblauen Diesellokomotive. Dann standen die beiden Zug-Enthusiasten allein auf dem Geisecker Bahnsteig. Außer ihnen verließ keiner das Abteil. Und einsteigen in Richtung Schwerte wollte auch keiner mehr. Schnell noch ein Erinnerungsfoto, dann steckte der Schaffner schon seine Pfeife in den Mund, um den bahnamtlich „N6466“ genannten Nahverkehrszug zu seiner Endstation Hagen weiterzuschicken.

Als Geisecke von der Bahn abgekuppelt wurde

© Foto: Heinz Huber

Damit endete für Geisecke ein Kapitel Verkehrsgeschichte, das im Jahre 1866 begonnen hatte, als die Bergisch-Märkische Eisenbahngesellschaft die Konzession zum Bau der sogenannten „Oberen Ruhrtalbahn“ erhielt. Deren erster Abschnitt von Schwerte nach Arnsberg ging am 1. Juni 1870 in Betrieb, wie Güttler weiß. Sieben Jahre später hatte der Schienenstrang die Stadt Warburg erreicht.

Halt für das Wellenbad

Im selben Jahr wurde bei der Eisenbahndirektion ein Antrag für eine Haltestelle in Geisecke gestellt, um Fahrgästen die Anreise zum damaligen Wellenbad an der Ruhr zu erleichtern. Ärzte aus Schwerte und Umgebung unterstützten diese Forderung, indem sie auf die gesundheitliche Bedeutung und die heilende Wirkung des Wellenbadens hinwiesen. Eine Antwort hielten die Bahnoberen trotzdem nicht für nötig. Weitere Vorstöße wurden 1884, 1885 und 1888 abgewiesen, weil die Investitionen gegenüber dem Nutzen zu hoch seien.

Erst ein persönliches Gesuch des Landrats beim Ministerium in Berlin war 1889 erfolgreich, fand Güttler heraus. Zwei Bedingungen stellte aber die Eisenbahndirektion: einen Zuschuss und ein kostenloses Baugrundstück. Am 1. Oktober 1890 hielt in Geisecke der erste Zug.

1911 begann Bau des Güterbahnhofs

Die Stadt Dortmund wünschte 1905, den Personenzug-Haltepunkt Geisecke auch für den Güterverkehr zu öffnen, um einen Gleisanschluss für Kohletransporte zum Wasser-Pumpwerk Hengsen zu verlegen. Für die Zustimmung verlangte die Eisenbahndirektion erneut einen erheblichen finanziellen Beitrag, diesmal aus Dortmund und Geisecke. Zum Vertragsabschluss kam es 1908. Im September 1911 begann der Bau eines Rangierbahnhofes. Ein Jahr später wurde ein neues Bahnhofsgebäude errichtet, das den Namen „Geisecke (Ruhr)“ erhielt.

Eisenbahnfreund Güttler kennt die Chronik: Der Rangierbetrieb wurde am 1. Oktober 1913 auf 20 Gleisen aufgenommen. Drei Jahre später erreichte der Güterbahnhof mit 42 Gleisen seine größte Ausdehnung. Wegen der Weltwirtschaftskrise wurde er aber 1929 stillgelegt.

Im März 1945 von Bomben zerstört

In der Zeit der Nationalsozialisten begannen die Rangierarbeiten in Geisecke Ende 1939 wieder. In der Anlage, die als größter Verschiebebahnhof Westdeutschland galt, wurden Güterzüge Richtung Osten zusammengestellt. Schon 1940 fielen die ersten Bomben. Im März 1945 wurden die Gleisanlangen durch einen schweren Luftangriff total zerstört.

Nach Kriegsende wurde der Rangierbahnhof durch die neue politische Landkarte nicht mehr benötigt. Die Bundesrepublik endete kurz hinter Kassel am Eisernen Vorhang. Das von Bombentrichtern übersäte Trümmerfeld in Geisecke wurde als „Bahnwäldchen“ aufgeforstet. Doch Personenzüge hielten weiterhin im Ortsteil – bis zum 28. Mai 1983. Dann informierte ein handgeschriebenes Schild, dass vom nächsten Tag an keine Reisezüge mehr in Geisecke hielten.

Wer heute mit dem Zug durch Geisecke fährt, kann nur erahnen, wo sich das längst abgerissene Bahnhofsgebäude und der Bahnsteig befunden haben. Eisenbahnfreunde werden es jedoch merken, ist sich Güttler sicher: „Die beiden Gleise schwenken etwas auseinander, da, wo sich früher der Bahnsteig befand.“

Seit einigen Jahren Pläne für neuen Haltepunkt

Seitdem der Nahverkehr auf der Schiene wieder ausgebaut wird, gab es vor einigen Jahren Überlegungen für einen neuen Haltepunkt in Geisecke – genauso wie in Schwerte-Ost und Langeschede. Die Verwirklichung ist ungewiss. „Auf der Oberen Ruhrtalbahn sind keine zusätzlichen Halte aktuell“, erklärte am Montag Anne Zimmermann vom zuständigen Nahverkehr Westfalen-Lippe (Unna). Und auch in den nächsten Jahren werde es voraussichtlich keine Reaktivierung geben. Denn zusätzliche Stopps kosten Zeit, sodass in Hagen die Anschlüsse in Richtung Münster nicht mehr erreicht werden könnten: „Sonst müssten die Züge schneller fahren.“ Aber das schaffen die derzeit eingesetzten Züge nicht.

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