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Stimme des toten Dichters taucht auf Schellack wieder auf

Sensationeller Schallplattenfund in Schwerte

Stadtpoet Albert Knülle (1878-1961) besingt auf Plattdeutsch seine Heimat. Die Aufnahme hat kleine Schönheitsfehler.

Schwerte

, 24.05.2018
Stimme des toten Dichters 
taucht auf Schellack wieder auf

Sichtlich Spaß hatten Wolfram „Wolle“ ter Jung (l.) und Uwe Fuhrmann (r.) bei der digitalen Aufbereitung der Albert-Knülle-Schallplatte. © Reinhard Schmitz

Mehr als ein halbes Jahrhundert ruht der Mundartdichter Albert Knülle schon in seinem Grab. Doch seine Stimme ist plötzlich wieder da. Ein wenig blechern und mit leichtem Hintergrund-Knistern singt sie seine Ode auf die Heimat: „Wo dä Ruhr sick schlängelt düör dat stille Dal“ (für Nicht-Plattdeutsche: Wo die Ruhr sich schlängelt durch das stille Tal). Sozusagen die Schwerter Version des Volksliedes „Wo die Nordseewellen...“, auf dessen Melodie der Stadtpoet die fünf Strophen über Freischütz, Rinderherden und Schwarzbrot schrieb.

Heimatvereins-Vorsitzender Uwe Fuhrmann war elektrisiert, als er die schwarze Schallplatte in einem Wust von Papieren entdeckte, die der ehemalige Oberschichtmeister Christopher Wartenberg ihm nach seinem Rücktritt übergeben hatte. „Albert Knülle“, verriet eine Handschrift auf dem grünen Etikett, das gleichzeitig dazu aufforderte, den Tonträger mit der ungewöhnlichen Geschwindigkeit von 78 Umdrehungen pro Minute abzuspielen. Fuhrmanns altes Gerät schaffte nur 33 (für Langspielplatten) und 45 (für die kleinen Single-Scheiben). Aber im Heimatverein fand sich jemand mit der Abspielmöglichkeit. Also, Platte aufgelegt, Nadel drauf – und da ertönte die Dichterstimme, die man nicht kannte.

„Wir haben festgestellt: Wenn Albert Knülle irgendetwas nicht konnte, dann war es singen“, berichtet Fuhrmann mit einem Augenzwinkern. Selbst ein Hüsteln rutschte ihm zwischendurch heraus. Denn die Aufnahme muss ziemlich spontan entstanden sein. Vom Mikrofon direkt in eine Maschine, die die Rillen in den Schallplatten-Rohling einschnitt. Der blieb ein Einzelstück. Schwerter ließen so was in den 1950er-Jahren schon mal machen, wenn sie ein besonderes Geschenk brauchten, wie Fuhrmann recherchierte. Die Technik dazu bot das „Schwerter Tonstudio Max Stegmann, Hagener/Ecke Mährstraße“, wie ein Stempelabdruck auf der Plattenhülle verriet. In alten Adressbüchern gab es den Betrieb bis Ende der 1950er-Jahre. Heute residiert in dem Ladenlokal ein Fitnesscenter.

„Es ist eine kleine Sensation, dass so was in Schwerte machbar war“, sagt Fuhrmann, der das Tondokument erhalten wollte. Filmemacher „Wolle“ ter Jung filterte nicht nur das Knistern heraus und unterlegte das a-cappella gesungene Lied mit der Akkordeon-Melodie. Er mixte mit Ruhrtal-Fotos und plattdeutschen Untertiteln sogar einen Videoclip, der mit einem markigen „Albert Knülle, Schweierte“ endet. Der tote Dichter soll damit im Internet-Portal Youtube unsterblich werden.

Der Heimatdichter Albert Knülle wurde am 23. Februar 1878 im Fachwerkhaus Mühlenstraße 22 geboren. An der Fassade gibt es eine hölzerne Gedenktafel. Er galt als feiner Beobachter seiner Umwelt und verstand es, seine Erlebnisse mit Humor in Texte umzusetzen. Viele sind seiner Stadt und ihren Originalen gewidmet. Gern bediente er sich der plattdeutschen Sprache. Knülle starb am 6. Februar 1961. Er wurde auf dem Waldfriedhof begraben.
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