Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Wie darf man einen dementen Menschen aufhalten?

Sicherheit in Schwerter Pflegeheimen

Ein Mann geht zum Bahnhof, steigt in einen Zug, fährt nach Bönen. Und wird mit Hubschrauber und am Boden gesucht, weil er dement ist. Am aktuellen Fall zeigt sich, was rechtlich erlaubt ist und was eben nicht.

Schwerte

, 05.06.2018
Wie darf man einen dementen Menschen aufhalten?

Einige demente Bewohner im Haus am Stadtpark tragen einen Chip im Schuh. Treten sie über die Schwelle der Haustür, wird das auf der Station gemeldet. So wollen die Verantwortlichen verhindern, dass diese Menschen sich selbst gefährden. © Bernd Paulitschke

Es ist ein Moment, in dem die Mitarbeiter im Haus am Stadtpark erschrecken: Ein Mann ist weg. Ein 69-Jähriger, der dement ist und orientierungslos außerhalb der Räume, in denen er sich sonst bewegt. „Das war das erste Mal. Der Mann war bisher immer unauffällig“, sagt Einrichtungsleiter Jörg Becker, wenn er an den Vorfall vom späten Samstagnachmittag denkt.

Man reagierte schnell: Sofort alarmieren die Pflegekräfte die Polizei. Die reagiert mit einer Öffentlichkeitsfahndung, gibt eine detaillierte Beschreibung und ein Foto des Mannes heraus. Ein Polizei-Hubschrauber steigt auf und kreist über Schwertes Innenstadt. Am Boden suchen weitere Beamte nach dem dementen Mann. Allerdings zunächst vergebens. Erst kurz nach 19 Uhr taucht der 69-Jährige wieder auf: 20 Kilometer entfernt in Bönen. Den Weg dorthin habe er offenbar mit dem Zug zurückgelegt oder mit einem Bus, mutmaßt die Polizei.

Ein Chip im Schuh

„Als ich den Anruf bekommen habe ‚Wir haben ihn‘, bin ich direkt zehn Kilo leichter geworden – das können Sie mir glauben“, unterstreicht Jörg Becker. Der Mann sei wohlauf und unverletzt – und demnächst hoffentlich der Nächste im Haus, der einen besonderen Chip in den Schuh bekomme. Der löst aus, sobald der Schuh über die Türschwelle nach draußen tritt. Dann klingele das Telefon auf der Station, so Becker. Und das Personal wisse: Jetzt gelte es, einen Menschen freundlich wieder zurückbitten, bevor es draußen für ihn gefährlich werde.

„Man kann ja keinen Menschen festhalten“, unterstreicht Jörg Becker. „Das wäre Freiheitsberaubung“, stellt auch die Polizei klar. Ein erwachsener Mensch – auch einer mit Demenz – darf sich frei bewegen. Darf gehen, wohin er will und nicht eingesperrt oder weggezerrt werden. „Schon wenn Sie als Angehöriger das Umfeld eines Menschen so gestalten, dass er nicht weggehen kann, ist es Freiheitsberaubung“, verdeutlicht Andrea Schmeißer, die Leiterin des Grete-Meißner-Zentrums.

Jetzt lesen

„Darf ich Sie bringen?“

Aber was kann man dann tun, um einen dementen Menschen aufzuhalten? „Wenn Sie jemanden sehen und haben das Gefühl, dass mit dem etwas nicht stimmt, dann können Sie hingehen und sagen: Kann ich Ihnen helfen? Darf ich Sie nach Hause bringen?“, so Schmeißer. Falls die Antwort Nein laute, sei eben nur ein Anruf bei der Polizei möglich, „wenn Sie der Ansicht sind, es handele sich um eine Gefährdung.“

Und ein Seniorenzentrum? Auch deren Mitarbeiter dürfen keinen Bewohner zurück zwingen. Deshalb behilft man sich mit Warnmeldern wie den Chips im Schuh. Eine neue Idee ist das nicht – in Holzen am Friedrich-Krahn-Seniorenzentrum gab es schon im Herbst 2010 Alarmbänder für einzelne Demente mit „Weglauftendenz“.

Es sei nach wie vor eine einfache Lösung, erläutert Jörg Becker vom Haus am Stadtpark: „Wir haben drei Ausgänge. Die kann man ziemlich schnell überprüfen.“ Natürlich immer abhängig von der aktuellen Situation auf der Station: Kann eine der beiden Pflegekräfte gerade los zum Nachgucken? Oder muss schon schnell etwas Anderes zu Ende erledigt werden?

Richter muss zustimmen

Zudem: Auch die Chips dürfen nicht einfach so in Schuh oder Kleidung. Vorher muss erstens der Betreuer des dementen Menschen zustimmen und zweitens ein Richter. Wer unter einer demenziellen Erkrankung leide, habe im Regelfall einen solchen Betreuer, so Becker – entweder eine Person aus dem Umfeld, die man sich selbst gesucht habe und die eine Betreuungsvollmacht habe, oder einen gesetzlich bestellten Betreuer.

Polizei rechnet mit mehr Fällen

Die Polizei rechnet übrigens damit, dass zukünftig immer mehr Demente aufgespürt werden müssen. Das sei eine einfache Folge des demografischen Wandels, hieß es am Wochenende von der Leitstelle des Kreises Unna. Und man dürfe Menschen eben nicht einfach mit GPS-Sensoren ausstatten – auch wenn solch eine Technik das Auffinden erleichtern würde.

Lesen Sie jetzt