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Als Cappenberg noch ein eigenes Bier hatte

Gaststätten-Geschichten

Das Cappenberger Tröpfchen ist bis heute regional bekannt. Es gab auch ein eigenes Bier - ein echtes „Cappenberger“: In unserer Serie „Gaststätten-Geschichten“ nähern wir uns zusammen mit dem Historiker Franz-Peter Kreutzkamp dem Cappenberger Bier, von dem es heute noch Zeugnis im Ort gibt.

CAPPENBERG

18.10.2016

Östlich des Flurstückes „Langes Land“, im ehemaligen Steinbruch des Klosters Cappenberg, ließ Graf Ludwig von Kielmannsegge in den späten 1830er-Jahren neben der alten Reitbahn tatsächlich eine Brauerei errichten. Diese nahm 1840 ihren Betrieb auf.

Die neue Brauerei erregte Beachtung und regionales Aufsehen, denn: Sie war die erste im norddeutschen Raum, die Bier nach bayrischer Art braute. Bisher hatte man in Westfalen nur das braune, begrenzt haltbare, obergärige Altbier hergestellt. Das helle untergärige Lagerbier kam aus Bayern. Zu seiner Herstellung sind aufwendigere Betriebseinrichtungen erforderlich.

Eis von der Wiese nebenan

Da die Gärung bei Temperaturen unter zehn Grad stattzufinden hat, konnte im Sommer ohne Kühleinrichtungen nicht gebraut werden. So wurde die neue Cappenberger Brauerei mit riesigen Eis- und Kühlkellern ausgestattet. Das Eis gewann man im Winter aus der nahe gelegenen Eiswiese. Das Wasser wurde im Herbst gestaut, das Eis dann zur gegebenen Zeit in den Keller gefahren. Eis aus der Natur gewann man bis in die 1870er-Jahre. Nach der Erfindung der „Kältemaschine“ erfolgte die Kühlung mit Dampf.

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Die wirtschaftliche Entwicklung der Brauerei ist aus Berichten des Hauptsteueramtes in Münster ersichtlich. 1840 gab es in Westfalen 2100 Brauereien – allein 74 in Dortmund. 1843 kam aufgrund der Tätigkeit der Cappenberger Brauerei die Einfuhr von bayrischem Bier im Münsterland fast zum Erliegen.

Am 6. Mai 1855 ist zu lesen: „Durch den Umfang ihres Berichtes zeichnen sich die Brauereider Grafen Kielmannsegge zu Cappenberg und des Peter Overbeck zu Dortmund vor allen übrigen aus. (...) Die Leitung dieser großen Brauereien geschieht durch Braumeister aus Bayern, oder Personen, die dort das Brauen gelernt haben.“

Bedeutender Wirtschaftsfaktor

Die Brauerei war für die Bauerschaft Übbenhagen, das heutige Dorf Cappenberg, ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. 30 bis 40 Arbeitskräfte waren ständig beschäftigt. 1848 erhielten sie 2263 Taler für Löhne und Gehälter, hinzu kamen die Deputate: freie Wohnung mit Stall, Garten und Ackerland, Getreide, Treber, Milch – und Bier.

Die Handwerker, insbesondere die Hufschmiede, waren voll beschäftigt mit dem Beschlag der Pferde und der Instandhaltung des Fuhrparks. Ein vierspänniger Brauereiwagen fuhr regelmäßig nach Münster, einen Tag hin, den anderen zurück, mehrmals in der Woche. Die Vorfahren mancher Familien, die heute auf Cappenberg ansässig sind, haben sich als Bedienstete der Brauerei angesiedelt.

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Traditionskneipen in Cappenberg

In unserer Serie „Gaststätten-Geschichten“ erinnern wir an die einst über 60 Kneipen und Gastronomie-Betriebe in Selm, Bork und Cappenberg.
30.09.2016
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Der einstige Gasthof Aschoff an der Boker Straße.© Repro: Kreutzkamp
"Restaurant zur Waldschmiede" nannte sich das Haus der Aschhoffs, weil ihr Ursprung mitnichten ein Gasthaus war, sondern eine Schmiede. © Repro: Kreutzkamp
Eine Brauerei auf Cappenberg: Auf diesem alten Plan sind die Flurstücke Cappenbergs (Übbenhagens) verzeichnet. In der Mitte ist die Rede von einer Bierbrauerei und einem Weinberg, oben in der Mitte die Oberförsterei.© Repro: Kreutzkamp
Was für Dimensionen: Groß war das Gelände der Brauerei auf Cappenberg, von der heute noch Gebäude und der Straßenname "Am Brauereiknapp" geblieben sind. Das Bier war in den 1830er-/40er-Jahren ein echter Verkaufsschlager. © Repro: Kreutzkamp
Das Gasthaus Kreutzkamp gibt es bis heute noch als Gaststätte, die allerdings nur noch für Veranstaltungen geöffnet hat. Vieles in diesem Haus ist aber bis heute geblieben, wie dieser Stich zeigt. © Repro: Kreutzkamp
Gasthaus Kreutzkamp© Repro: Kreutzkamp
Gasthaus Kreutzkamp© Repro: Kreutzkamp
Gasthaus Kreutzkamp© Repro: Kreutzkamp
Gasthaus Kreutzkamp© Repro: Kreutzkamp
Gasthaus Kreutzkamp© Repro: Kreutzkamp
Hof Struckmann© Repro: Kreutzkamp
Schlossklause Cappenberger Hof© Repro: Kreutzkamp
Schlossklause Cappenberger Hof© Repro: Kreutzkamp
Schlossklause Cappenberger Hof© Repro: Kreutzkamp
Schlossklause Cappenberger Hof© Repro: Kreutzkamp
Schlossklause Cappenberger Hof© Repro: Kreutzkamp
Schlossklause Cappenberger Hof© Repro: Kreutzkamp
Waldfrieden Cappenberg© Repro: Kreutzkamp
Waldfrieden Cappenberg© Repro: Kreutzkamp
Waldfrieden Cappenberg© Repro: Kreutzkamp
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Der Umsatz ging schon vor Beginn des 20. Jahrhunderts langsam zurück. Durch den Ausbau der von Dortmund ausgehenden Eisenbahnlinien war ihr Vorteil der Nähe zum Münsterland, dem Hauptabsatzgebiet, verloren gegangen.

Das langsame Ende

Rentmeister Orth schrieb am 18. Dezember 1902: „Der Absatz ist um 3200 hl, also um 14,23 Prozent zurückgegangen. Die Außenstände sind um 96.000 Reichsmark auf 299.000 gestiegen.“ Der Absatz war also nur durch großzügige Kredite an Gastwirte aufrecht zu erhalten. Orth schlug vor, die unrentabel gewordene Brauerei zu verkaufen. Als Käufer präsentierte er seinen Schwiegervater Wilhelm Lindemann, der zuvor Brauereidirektor bei der Wicküler-Brauerei war.

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Am 19. Januar 1903 wurde der Kaufvertrag beurkundet. Der Kaufpreis sollte 350.000 Reichsmarkt betragen. Der Name „Gräflich von Kielmannseggesche Brauerei“ durfte nicht mehr geführt werden. Mit Lindemann wurde zunächst ein Pachtvertrag geschlossen.

„Am Brauereiknapp“ erinnert an Bier-Tradition

Dies war aber nur eine Notlösung, da die Brauerei reparaturbedürftig war. Nach lang andauernden Verhandlungen wurde sie schließlich am 28. April 1908 an den Pächter aufgelassen. Lindemann führte die Brauerei weiter, im Ersten Weltkrieg kam sie dann zum Erliegen. 1917 verkaufte er sie an den Kaufmann Heinrich Langkopf aus Hannover. Dieser verkaufte die wertvolle Einrichtung – also Buntmetalle für die Rüstung – ebenso wie das Braurecht: Es ging an eine Dortmunder Brauerei.

Als Albrecht Graf von Kanitz 1924 die Herrschaft Cappenberg erbte, gelang es ihm, das Brauereigelände zurückzukaufen. An die Brauerei selbst erinnern heute aber nur noch Teile des Gebäudekomplexes, die von der Waldschule Cappenberg genutzt werden, und die Wegbezeichnung „Am Brauereiknapp“.

Unsere Serie
In unserer Serie „Gaststätten-Geschichten“ erinnern wir an die einst über 60 Kneipen und Gastronomie-Betriebe in Selm und den Ortsteilen Bork und Cappenberg. Haben Sie eigene Erlebnisse und Erinnerungen? Dann melden Sie sich bei uns. Wir freuen uns auf Anekdoten und alte Fotos per Mail an (Betreff: Gaststätten-Geschichten) oder in unserer Redaktion, Kreisstraße 26. Sie können uns natürlich auch eine Privat-Nachricht an unser senden.

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