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Die Lutherschule ist Geschichte: Ein zufälliger Zeuge des Zusammenbruchs blickt zurück

Lutherschule

Es ist 11.22 Uhr am Freitag (31.8.2018), als die Baggerschaufel zufasst und rüttelt. Einen Augenblick später liegt das Portal der Lutherschule im Schutt.

Selm

, 31.08.2018
Die Lutherschule ist Geschichte: Ein zufälliger Zeuge des Zusammenbruchs blickt zurück

Peter Gehrmann zeigt, wie die Lutherschule 1912 aussah (r.) und dann zwei Jahre später. Hinter ihm ist gerade der Giebel gefallen.

Eine Staubwolke breitet sich aus über das Grundstück der Schule. Der pensionierte Gymnasiallehrer Peter Gehrmann beobachtet hinter den rot-weißen Absperrbaken, wie das Wasser aus dem Strahler die herumfliegenden Partikel bindet und sich das Bild auf die Reste der 1912 eröffneten Schule für die Beifanger Bergarbeiterkinder langsam lichtet.

Der 66-jährige Selmer schüttelt den Kopf. Eigentlich war er an diesem Freitag zur Lutherschule gegangen, um seine Forschungsergebnisse über die Entstehungsgeschichte der Schule mitzuteilen. Jetzt ist er zufällig Zeuge ihres Endes geworden – so wie drei, vier andere Selmerinnen und Selmer auch, die stumm ihre Handykameras auf die Ruine halten. „Das hat sich jetzt erledigt“, sagt eine Frau bitter, dreht sich um und geht.

Suche nach dem Ursprung

Gehrmann bleibt. Der linke Gebäudeteil steht noch, in dem er auf RN-Fotos etwas Besonderes entdeckt hatte: Trinkbrunnen. „Auf jeder Etage einer.“ Für den 1980 nach Selm gezogenen Dortmunder der Ausgangspunkt für weitere Recherchen. Spätestens seitdem er ein Buch über das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium geschrieben hat, an dem er bis Februar Biologie und Pädagogik gelehrt hatte, kennt er solche Brunnen. An der Lünener Schule gab es sie auch – ein Erkennungszeichen für den Stil des Dortmunder Architekten Karl Schulze, der zusammen mit seinem Bruder Dietrich zahlreiche Industriegebäude, Siedlungen und Villen im Ruhrgebiet gebaut hat. Vielleicht auch die Lutherschule?

„Fest steht, dass die Gebrüder Schulze 1912, als die Lutherschule gebaut wurde, ohnehin hier in Selm maßgeblich tätig waren“, sagt er. „Sie haben 1911 das Amtshaus in Bork gebaut.“ Das Verwaltungsgebäude der Zeche Hermann war da schon fertig. Und die Zechensiedlung Herrmann wuchs gerade über die Kreisstraße hinweg.

Eher unbemerkt von den Bergleuten in Beifang bauten die Schulzes zur selben Zeit auch für den Nagelfabrikanten Bolte ein Landhaus in Cappenberg in der Baltimora. Bei so viel Bauaktivität die Schulzes auch mit dem Bau der Schule in der neuen Kolonie zu beauftragen, wäre naheliegend gewesen. „Belege habe ich aber dafür nicht gefunden im Archiv“, sagt Peter Gehrmann.

Sicher ist nur, wer bereits eineinhalb Jahre nach der Eröffnung der Lutherschule den Anbau – den linken Flügel, der am Freitagmittag noch steht – gebaut hat. „Gustav Glaser“, sagt Gehrmann. Der sei beim Amt Bork beschäftigt gewesen. Auch er hat an anderer Stelle seine planerische Handschrift im Stadtbild hinterlassen: „Den Selmer Hof an der Kreisstraße hat er gebaut“: ursprünglich ein öffentliches Gebäude, in dem Versammlungen stattfanden. Außerdem war es jedem Bürger möglich, ohne Verzehrzwang die Zeitung zu lesen.

Geschichte kaum bewusst

„Viele Gebäude aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts haben eine ganz besondere Geschichte, der man sich hier zu wenig bewusst ist“, meint Gehrmann. Während die Victoria-Siedlung in Lünen etwa Anziehungspunkt für Architekturfreunde aus dem ganzen Land ist, wisse kaum jemand, dass die Hermann-Siedlung von demselben Architekten stamme. „Schade“ sagt der Forscher und blickt auf den Schuttberg.

Kommentar von Redaktionsleiterin Sylvia vom Hofe Jetzt stehen wir vor den Trümmern – denen der Lutherschule. Für sie ist es zu spät, leider. Für die Demokratie vor Ort aber zum Glück nicht, auch wenn vieles an ihren Grundmauern rüttelt und manche sie schon verbal zu Grabe tragen. Dass der Abriss der Schule jetzt nicht den Gesprächsfaden zwischen den widerstreitenden Gruppen abreißen lässt, ist Aufgabe aller. Und zurzeit ist dieser Faden gefährlich dünn. Dass sich Ratspolitiker, die für den Abriss der Schule waren, über die Initiatoren des Bürgerbegehrens dagegen ärgern, liegt in der Natur der Sache. Dass sie mit ihnen streiten über die richtige Position, auch. Dass sie sie beschimpfen, geht aber gar nicht. Schließlich ziehen die gewählten Bürgervertreter und die Bürger, die sich spontan für ein Thema engagieren, an einem Strang: Sie möppeln nicht nur, sondern bringen sich mit ihren Fähigkeiten ein. Sie beobachten nicht nur aus sicherer Distanz, sondern übernehmen selbst Verantwortung. Das ist gelebte Demokratie. Die Selmer Lutherschule wird aber nicht als gutes Beispiel für direkte Demokratie in Erinnerung bleiben, sondern als das Gegenteil. Das hat damit zu tun, dass das Bürgerbegehren zwar ein Erfolg war, die Schule jetzt aber trotzdem in Trümmern liegt. Die Spielregeln direkter Demokratie, auf die sich die Bürger verlassen können müssen, haben sich als kompliziert erwiesen. Dass dies Unmut auslöst, ist verständlich. Jetzt gilt es, auf den Trümmern wieder Brücken zu bauen. Die Lutherschule lässt das nicht wieder auferstehen, aber hoffentlich das Gefühl, gemeinsam für die Stadt verantwortlich zu sein: in gewählten Gremien, aber auch in Bürgerinitiativen; für die Schaffung einer lebenswerten Zukunft, aber auch für die Bewahrung der Vergangenheit; mit unterschiedlichen Positionen, aber immer mit Respekt voreinander.
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