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Selmer Freundeskreis: Gemeinsam gegen die Sucht

Mit Video

„Süchtig ist man ein Leben lang“. Die Mitglieder des Freundeskreises Selm wählen diese Worte mit Nachdruck, mit Überzeugung. Aber auch Einsicht und Erkenntnis schwingen mit, wenn die Mitglieder der Gruppe für Suchtkranke und Angehörige von sich erzählen.

SELM

, 22.07.2017 / Lesedauer: 3 min

Es ist ein normaler Tag, am frühen Dienstagabend. In dem kleinen gemütlichen Raum im Ludgeri-Haus am Kirchplatz stehen schon Getränke auf dem Tisch. Kaffee. Wasser. Cola. Um die 20 Freunde treffen sich hier regelmäßig, um sich auszutauschen, gegenseitig Halt zu geben. Alle Anwesenden haben in ihrem Leben Kontakt mit Alkohol oder Drogen gehabt – ob als Konsument, als Partner, Ehefrau oder Mutter. Sie möchten offen über ihre Geschichten sprechen – auch um anderen zu helfen.

Jürgen Heinrichs kann nicht mehr genau sagen, wann er in die Abhängigkeit kam. „Das war ein schleichender Prozess“, sagt der 66-Jährige. Bereits mit 14 habe er damals getrunken, als er in die Lehre kam. Als Erwachsener war er dann selbstständig mit einem eigenen Geschäft. „Ich konnte den Stress nur noch mit Alkohol bewältigen. Ich habe schon morgens Bier und Jägermeister getrunken“, so der Gruppenteilnehmer.

"Ich verspreche, ich höre auf"

Irgendwann wollte er aufhören – auch seiner Frau zuliebe –, doch er hat es nie geschafft. „Ich verspreche, ich höre auf“, war ein oft ausgesprochener Satz zuhause. Bereits der Versuch, nur ein Wochenende lang nicht zu trinken, habe er nicht geschafft.

Erst als ein Freund ihn zur Entgiftung in ein Krankenhaus und dann in eine Suchtklinik brachte, hat Heinrichs den Absprung geschafft. Seitdem besucht er regelmäßig den Freundeskreis. „Kraft schöpfen und anderen Mut zusprechen, das ist wichtig“, so der 66-Jährige.

Gertrud Grotes Sohn ist Alkoholiker

Gertrud Grote ist 81 Jahre alt und gehört zu den treuesten Gruppenbesuchern. Sie ist Angehörige, Betroffene, hat unter dem Verhalten ihres Sohnes gelitten. Ihr Sohn ist Alkoholiker. „Mein Problem ist, dass ich mich kümmere“, sagt Grote. Sie habe sich das Helfen abgewöhnen müssen. Das Verhalten ihres erwachsenen Sohnes habe maßgeblich dazu beigetragen. „Mein Sohn hat mich überzeugt, dass ich etwas für mich machen muss – die Situation war nicht mehr zum Aushalten“, sagt die Seniorin. Sie suchte sich Hilfe – beim Freundeskreis.

Einem lieben Menschen helfen zu wollen, ist verständlich. Dass man aber selbst nicht immer helfen kann und in eine Co-Abhängigkeit geraten kann, eine Spirale aus Kontrollieren, sich Sorgen machen, dieses Bewusstsein vermittelt die Gruppe.

"Ich wusste nichts mit mir anzufangen"

Einige Teilnehmer erzählen beim Gruppentreffen von ihren Sorgen und Rückschlägen, aber auch schöne Erlebnisse wie Urlaube werden geteilt. Mit gemischten Gefühlen berichtet ein Paar, das nicht genannt werden möchte, von seiner Urlaubszeit. In der letzten Woche, die das Paar zuhause verbrachte, sei dem Mann, trockener Alkoholiker, die Decke auf den Kopf gefallen.

„Ich wusste nichts mit mir anzufangen, ich war sehr unleidlich, habe meine Frau grundlos angepampt“, erzählt der Ehemann. Seine Frau nickt zustimmend. Ob er wieder trinke, habe sie ihn gefragt. Da sei er richtig sauer geworden. „Aber diese Frage muss doch erlaubt sein“, erzählt die Ehefrau. Die Teilnehmer nicken zustimmend, verständnisvoll.

Unterstützung gibt es für jeden, der sich meldet

Susanne Hahn ist Leiterin des Freundeskreises und Rainer Adams geht ihr dabei zur Hand. Jeder, der sich meldet, findet Hilfe, Unterstützung, ein offenes Wort. Adams nimmt sich am Telefon Zeit, persönliche Vorgespräche gibt es sowieso. Wer mag, kann auch erst zur Probe kommen, ganz unverbindlich. Die 50-Jährige und der 68-Jährige sprechen Mut zu – mit viel Verständnis und Feingefühl. Auch an andere Stellen können die Freundeskreisleiter vermitteln. Beide kennen die Sucht-Situation, können sie nachempfinden – aus eigener Erfahrung oder aus dem persönlichen Umfeld.

Das Erfinden von Ausreden, den Kontrollverlust, die Angst, beim Outing Freunde zu verlieren, sozial schlechter dazustehen. „Man versteckt sich vor sich selber“, so Adams. „Viele haben davor Angst, ein Leben lang nicht mehr trinken zu dürfen“, berichtet Hahn. Sucht habe was mit dem Kopf zu tun. Betroffene jedes Alters besuchen die Gruppe, oft über viele Jahre. „Süchtig ist man ein Leben lang“, sagt Hahn.

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