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Toilettenproblem mit Behinderung: Zu eng, zu düster, zu dreckig

Barrierefreie Toiletten

Der Rat der Stadt Selm will prüfen lassen, wo behindertengerechte Toiletten in Selm errichtet werden können. Das Thema ist wichtig. Eine Betroffene sagt, worauf es dabei ankommt.

Selm

, 09.07.2018
Toilettenproblem mit Behinderung: Zu eng, zu düster, zu dreckig

Wer eine Behinderung hat, braucht mehr Platz und je nach seinen oder ihren Bedürfnissen auch mehr Licht und vielleicht weitere Ablagemöglichkeiten. dpa © picture alliance / Patrick Pleul

Hella Boenneke aus Selm kennt die Toiletten in städtischen Gebäuden wahrscheinlich besser, als die meisten Menschen in der Stadt. Über die Behindertentoilette in der Burg Botzlar sagt sie: „Eine Ruine“, da sei sie schon sehr gespannt auf dem Umbau. Die Toiletten im Bürgerhaus seien schon in Ordnung, aber „viel zu düster, da brennt nur eine kleine Funzel“.

Boenneke leidet an Multipler Sklerose (MS), sie kann sich nur noch eingeschränkt bewegen, ist auf Hilfsmittel, wie einen Stock – und je nach Strecke, Dauer und ihrer Tagesform – auch auf Rollator oder Rollstuhl angewiesen. Wie 60 Prozent aller MS-Erkrankten leidet sie zudem an einer Blasenfunktionsstörung, das bedeutet, sie muss mindestens alle zwei Stunden eine Toilette aufsuchen. Wenn sie zu einer Veranstaltung will, trinkt sie vorher nichts, um sicherzugehen, dass das Zeitfenster von zwei Stunden auch tatsächlich reicht. Bei privaten Verabredungen entscheiden oft die Toiletten über den Treffpunkt.

Ständig im Hinterkopf

Im Durchschnitt geht jeder Mensch fünf bis acht Mal am Tag auf die Toilette. In den meisten Fällen ohne lange darüber nachzudenken. Wer aber eine Behinderung hat, macht sich sehr genaue Gedanken darüber, was passiert, wenn er auf Toilette muss und vor allen Dingen, darüber, wo überhaupt eine geeignete Toilette zu finden ist. Hella Boenneke sagt: „Einen großen Teil meiner Konzentration verwende ich auf meine Stoffwechseltätigkeiten.“

Warum es für sie ein Problem ist, wenn die Toiletten zu dunkel sind, ist schnell erklärt: Boenneke benötigt zum Wasserlassen einen Katheter. Dafür braucht sie erstens genügend Licht und zweitens penibel saubere Zustände – nicht immer ist das bei den Toiletten gegeben, die sie besucht.

Verschiedene Bedürfnisse

Aber welche Bedürfnisse es genau sind, die jemand mit Behinderung hat, das sei auch je nach Behinderung unterschiedlich. Jemand mit Rollstuhl und einer Assistenz braucht natürlich mehr Platz, als jemand mit Gehstock. Jemand, der ein Stoma trage (also einen künstlichen Darmausgang), brauche zum Beispiel eine Ablagemöglichkeit und einen großen Mülleimer. Einen der größer sei, als die kleinen Tamponeimer, die in den meisten Toilettenanlagen vorhanden sind.

Hella Boenneke ist klar, dass das Thema Toilette und mögliche Stoffwechselprobleme für viele Menschen Tabuthemen sind. Sie möchte dennoch darüber sprechen, um mehr Verständnis zu schaffen und auch, weil das Thema – spätestens im Alter – immer mehr Menschen betrifft.

Das will der Antrag:

Der einstimmige Beschluss, des Rates, in Sachen barrierefreiere Toiletten aktiver zu werden, bringt also Erleichterung.

Der Antrag von Bündnis90/Die Grünen, hatte so gelautet: „Der Rat der Stadt Selm beauftragt den Bürgermeister, die Verwaltung damit zu beauftragen, geeignete Standorte und Maßnahmen zu prüfen.

  • Dies gilt insbesondere für öffentliche Gebäude in den drei Stadtteilen, Campus Nord und Süd, sowie für den Auenpark. Bei Neubauten (insbesondere von Gesundheitshäusern) sollte die Verwaltung Gespräche mit Geschäftsinhabern, Kirchen etc. führen.
  • Die Übertragbarkeit des Projekts „nette Toilette“, wie es zum Beispiel in Lüdinghausen praktiziert wird, zu verifizieren.
  • Behindertentoiletten mit Euroschlüssel einzurichten.

Sauberer und sicherer

Für Hella Boenneke ist die Entscheidung „ein Schritt in die richtige Richtung“. Die Toiletten mit Euroschlüssel (siehe auch Infokasten) gibt es bereits in anderen Städten wie Lüdinghausen oder Lünen. Das System mit dem Schlüssel „hat den Vorteil, dass die Toiletten vor Vandalismus geschützt sind und dass sie auch sauberer sind, weil sie seltener genutzt werden“, sagt Hella Boenneke. Die Aktion „Nette Toilette“ bei der Geschäftsleute und Händler ihre Toiletten kostenlos zur Verfügung stellen und dies mit einem Sticker an ihrem Fenster kundtun, kannte sie zuvor noch nicht, findet die Idee aber gut.

In Sachen Barrierefreiheit gibt es übrigens noch mehr Dinge, die laut Hella Boenneke einer Überlegung wert sind: Ein Strand beim Stadtfest ist zum Beispiel schön, für Menschen im Rollstuhl aber ein unüberbrückbares Hindernis, gleiches gilt für den Rindenmulch, der auf dem Boden des Glitzerwaldes ausgelegt worden ist. Schafft Atmosphäre, ist aber auch für Rollatoren schwierig. Da überlege man sich dann, ob man zu solchen Veranstaltungen überhaupt gehe. „Viel besser wären zum Beispiel Holzwege statt die Mulde, „damit die Rollen besser rollen“.

Das ist der Euroschlüssel
Der Euroschlüssel bezeichnet tatsächlich einen einfachen Schlüssel, mit dem entsprechende Toiletten in ganz Europa von Menschen mit Behinderung aufgeschlossen werden können. Er wurde 1986 vom CBF Darmstadt – Club Behinderter und ihrer Freunde in Darmstadt und Umgebung e. V. – eingeführt und kann dort auch bestellt werden (Preis: 23 Euro) Bezugsberechtigt sind Menschen, in deren Schwerbehindertenausweis das Merkzeichen aG, B, H, oder BL oder das Merkzeichen G ab 70 Prozent aufwärts steht. Auch Blinde, Stomaträger oder Menschen mit chronischen Darmerkrankungen oder Blasenerkrankungen dürfen den Schlüssel bestellen. Weitere Informationen zum Euroschlüssel gibt es auf der Internetseite des CBF unter www.cbf-da.de
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