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Warum hat Selm drei Bahnhöfe?

Eine Frage zu Selm

Selm hat etwas weniger als 27.000 Einwohner. Damit steht unsere Stadt laut Definition irgendwo auf der Linie zwischen Kleinstadt und kleiner Mittelstadt. Ungewöhnlich für eine Kommune dieser Größe: Selm hat drei Bahnhöfe. Warum ist das eigentlich so? Diese Frage erreichte uns in unserer Serie „Eine Frage zu Selm“.

SELM

von Von Anna Altfelix

, 10.09.2012

Zunächst gab es nur zwei Bahnhöfe, Selm-Dorf und Bork, für die damals eigenständigen Gemeinden. Ende der 40er Jahre wurde in Selm-Beifang aber ein weiterer Haltepunkt eingerichtet. Unterschiedliche Quellen geben als Datum zwischen 1946 und 1948 an. 

Ungewöhnlich, fast kurios ist die Entstehungsgeschichte dieses dritten Bahnhofs. Es ist die Geschichte des erfolgreichen Kampfs von Selmer Bürgern, die den nicht geplanten Bahnhof, im Volksmund „Bahnhof Notbremse“ genannt, erzwungen haben. Anfang des 20. Jahrhunderts entstand in Selm die Zeche Hermann und mit ihr die Zechensiedlung als Unterkunft für die zahlreichen Bergarbeiter, die neu nach Selm kamen. Das recherchierte Sarah Köppeler, ehemalige Schülerin des Gymnasiums Selm, in einer Facharbeit im Leistungskurs Geschichte, die der Selmer Künstler Heinz Cymontkowski in seinem Privatarchiv aufbewahrt.1926 wurde die Zeche stillgelegt, die Bergleute mussten in umliegenden Städten Arbeit suchen, zum Beispiel in der Zeche Victoria in Lünen oder in Dortmund bei Hoesch. Da in Beifang kein Bahnhof war, fuhr der Zug an ihrer Haustür vorbei. Die Arbeiter mussten bis Bork oder Selm-Dorf fahren und von dort wieder zurücklaufen. Nach einem langen und beschwerlichen Arbeitstag war das für viele ein Ärgernis, das sie nicht akzeptieren wollten.

Anträge an die Bundesbahn, in Beifang einen Haltepunkt einzurichten, seien jedoch abgelehnt worden, schreibt Sarah Köppeler. Als Ausweg zogen die Bergleute behelfsmäßig am Bahnübergang Sandforter Weg die Notbremse, um nach dem erzwungenen Halt auszusteigen. Da etwa 50 Bergleute pro Zug hinaus stürmten, wie Wolfgang Boeck, Sohn der ersten Gaststättenbetreiber am Bahnhof Beifang, sich erinnert, konnte der „Übeltäter“ in den meisten Fällen nicht ermittelt werden. Für die Bahn und andere Reisende ein Ärgernis, da sich die Weiterfahrt verzögerte. Es dauerte, bis alle Notbremsen wieder gelöst waren. Die Lokführer fuhren nach einiger Zeit im Bereich Selm-Beifang langsam, sodass die Bergleute abspringen konnten. Aber auch das kostete Zeit und war gefährlich.

Schließlich gab die Bundesbahn klein bei und richtete einen Haltepunkt ein. Dieser bestand zunächst aus fünf Behelfswaggons, zwei davon wurden als Gaststätte genutzt, zwei zum Wohnen der Gaststättenbetreiber-Familie Emil und Johanna Boeck, einer wurde zur Fahrkartenausgabe umfunktioniert. Aus dem notdürftig eingerichteten Haltepunkt entwickelte sich der heute verkehrsreichste Bahnhof in Selm.

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