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Was nach drei Wochen bleibt

So wird man Fan

Um es vorweg zu nehmen: Ich bin kein Fußball-Fan geworden. Fast wäre ich. Pfosten, wenn man so will. Oder Latte. So ein Schuss wie im ersten Gruppenspiel Deutschlands, als der Portugiese Pepe den Ball an die Unterkante der Latte pfeffert und er genau auf die Linie prallt. Linie ist knapp, nicht drin. Kein Tor, kein Fan. Und um es vorweg zu nehmen: Natürlich gibt es ein „Aber“.

SELM

28.06.2012

Wenn Deutschland im Halbfinale gegen Italien spielt, ist dieser Text bereits geschrieben, mit dem Abpfiff schon gedruckt. Ob Deutschland ins Finale gerückt sein wird oder nicht, wenn Sie diese Zeilen lesen: Ich werde das Finalspiel gucken, und das ist mehr, als ich vor drei Wochen erwartet hätte. Mit Fernsehreporter fing meine Reise durch diese fußballverrückte Region an. Wir besuchten das Stadion, in dem er als Vierjähriger Fußballspielen lernte – das Stadion in Werne wird heute abgerissen. Der Ursprung seiner Fußballvergangenheit verschwindet, seine Liebe bleibt. Man darf nicht vergessen, woher man kommt. Auch ich erinnere mich gut, wie ich vom sechsten bis neunten Lebensjahr als Abwehrspieler in meinem Verein in Mölln (Schleswig-Holstein) spielte. Einmal stand sogar in der Zeitung, der Trainer habe den Sieg „mit einem seiner besten Mitspieler Nico Drimecker“ gefeiert. Ich erinnere mich gern an diese Zeit.

auf einer größeren Karte anzeigen  Und an die Zeit der vergangenen drei Wochen. Als ich in Castrop ein E-Jugend-Spiel sah, kam meine Kindheit hoch. Auch wenn die Castroper Kids älter waren als ich damals in der F-Jugend, spürte ich ein leichtes Kribbeln. Vor allem, als ich dem, wie er im Spiel mitfieberte und litt – obwohl die Mannschaft seines Sohnes 3:0 gewann.

 Ich hatte mich mit Literatur versorgt, Geschichten von der Dortmunder Fußball-Krimi-Autorin Heike Wulf gelesen, in der Fußball-Fan-Bibel von Nick Horny „Fever Pitch“ habe ich es immerhin bis Seite 54 geschafft. Kollegen erzählten mir ihre Geschichten, wie sie zum Fußball fanden, ich habe alle Deutschland-Spiele der EM geguckt, zum Teil beim Public Viewing.  Was mich am meisten berührte, waren die Treffen mit all den Menschen. Treffen wie das mit . Sie erzählte mir, wie sie erst spät BVB-Fan wurde – im Gegensatz zu ihr waren die meisten Leute, die ich traf, schon als Kind mit dem Virus infiziert. Sie führte mich am Borsigplatz durch die Geschichte des BVB, zu der berühmten Bude Pommes-Rot-Weiß und der Dreifaltigkeitskirche. Trotzdem war ich immer wieder und vor allem stärker berührt von der Treue der Amateur-Fußball-Fans. Ob es Thomas Martin aus Castrop war oder der Platzwart des Lüner SV, Klaus-Dieter Schwark. an als eines vom BVB. Erfolge zählen auch im kleineren Maßstab. Ob Bundesliga oder Landesliga, ist zweitrangig im Vergleich zu dem Moment, wenn der Ball ins Netz klatscht und der Lieblingsmannschaft den Sieg bringt.

 Beim Public Viewing am 13. Juni zum Deutschand-Holland-Spiel in Olfen hat mir der . Im Gegensatz zu mir spielt er noch – bei Westfalia Vinnum. Und er sagte: Nichts, nicht einmal die Euphorie auf der Südtribüne, sei besser als die Freude, die Emotionen, wenn man selbst als Torwart (egal in welcher Liga) einen Elfmeter hält. Es war weniger die Aussage, die mich überzeugte, es war mehr sein Blick. Was übrig bleibt von den drei Wochen Fußball-Begeisterungs-Marathon, ist vor allem Erschöpfung. Drei Spiele habe ich live gesehen – Castroper E-Jugend, ein , ein . Bei einem regnete es, beim anderen kam die Sintflut. Das Zusehen kostete mich mehr Kraft als die Jungs das Spielen.

 Ich traf nicht nur Jungs. Ich lernte auch kennen. Die 15-Jährige kommt aus Schwerte und spielt bei der SG Lütgendortmund. Sie will in die deutsche Fußballnationalmannschaft und arbeitet hart darauf hin. Ihr Virus treibt sie an, nicht auf der Stelle stehen zu bleiben, sondern weiter zu streben. Ähnlich geht es mir. Wenn man sich drei Wochen mit diversen (und längst nicht allen) Facetten des Fußballs beschäftigt, lässt es niemanden los. Ich traf Amateure und Profis, Ikonen und Videoproduzenten, Legenden, Spieler, Eltern, Ehrenamtliche, Trainer, Musiker, Tonmeister. Fast zwei Dutzend Menschen haben es nicht geschafft, mich zum Fan zu machen. Aber: Ein Keim ist da, aus dem etwas wachsen wird. Ich spüre es. Ich trage den Virus in mir. Aber es wird ein wenig dauern, bis er mich wirklich packt. Ich glaube, zur EM 2013 wird’s was. Egal, ob unsere Frauen Meister werden oder nicht.

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