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Wo „Bad“ und „Bete und arbeite“ die Kinder begrüßt: Die Ludgerischule feiert 125-Jähriges

Grundschule Sellm

Die Ludgerischule ist 125 Jahre alt: kein Museum, sondern ein quicklebendiger Ort zum Spielen und Lernen. Davon können sich an diesem Samstag Gäste überzeugen.

06.10.2018 / Lesedauer: 4 min
Wo „Bad“ und „Bete und arbeite“ die Kinder begrüßt: Die Ludgerischule feiert 125-Jähriges

Das Bad ist beim erstten Anbau Anfang des 20. Jahrhunderts dazu gekommen. Zuhause hatten die meisten Schüler damals noch kein Badezimmer. © Sylvia vom Hofe

Jeden Morgen um 7.15 Uhr fängt die Schule an – nicht etwa im Gebäude der 1893 errichteten Ludgerischule, sondern nebenan: in der Kirche St. Ludger. Wer nicht zum morgendlichen Gottesdienst geht, bekommt „was durch die Finger“. Dennoch bleiben regelmäßig Kinder fort.

Sie schwänzen nicht nur die Messe, sondern auch die erste Unterrichtsstunde. Die Schulchronik vermerkt, warum: „Sie stehen von morgens 2 bis achteinhalb Uhr bei der Brotausgabe an“ – Selmer Schulalltag Anfang des 20. Jahrhunderts.

50 bis 80 Kinder pro Klasse

Stephanie Brockhaus muss unwillkürlich mit dem Kopf schütteln, wenn sie daran denkt, wie ihre Kolleginnen und Kollegen damals gearbeitet haben. „Vor allem, wenn ich mir ausmale, wie riesig groß die Klassen waren“, sagt die heutige Schulleiterin.

1893, als die Ludgerischule gerade fertig ist, sieht es noch vergleichsweise übersichtlich aus: „Insgesamt etwa 320 bis 350 Kinder“ – in den Ober- und Mittelklassen getrennt nach Geschlechtern, in den Unterklassen gemischt. In den nächsten Jahren steigt die Zahl der Kinder rasant an. 1909 – in diesem Jahr nimmt die Zeche Hermann ihren Betrieb auf – sind es 449 Kinder, 1912 bereits 1051 und 1918 sogar 1606 Mädchen und Jungen. „Das waren 29 Klassen“, sagt Brockhaus. Wie das mit 27 Lehrkräften zu schaffen war? Brockhaus lacht. „Ein Geheimnis.“ Während heute Klassen mit an die 30 Kindern als groß gelten, sind in den Anfangsjahren 50 bis 80 Schüler pro Klasse üblich.

Wo „Bad“ und „Bete und arbeite“ die Kinder begrüßt: Die Ludgerischule feiert 125-Jähriges

Dieser Teil der Ludgerischule wurde 1893 gebaut. Das Foto ziert eine Postkarte aus damaliger Zeit. Bereits zwölf Jahre später reichte der Platz nicht mehr aus. Ein zusätzlicher Gebäuderiegel auf der linken Seite kam dazu.

„Das ging nur mit Frontalunterricht.“ Und mit strengen Regeln. „Alle Schüler sitzen anständig, gerade, mit dem Rücken angelehnt in Reihen hintereinander“, zitiert Brockhaus. Jedes Kind habe seine Hände geschlossen auf die Schultafel zu legen. „Sämtliche Kinder schauen dem Lehrer fest in die Augen.“ Angstfreier Unterricht, der Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit fördert, sieht anders aus.

Wie, lässt sich mehr als 100 Jahre später verfolgen in der Ludgerischule. Statt in langen Reihen sitzen die Kinder an Gruppentischen, manchmal auch in einem großen U. Sie lernen selbstbestimmt nach einem Wochenplan und haben nicht nur die Lehrerinnen und Lehrer als Ansprechpartner, sondern auch schulpädagogische Fachkräfte, Integrationshelfer, die Kinder mit Entwicklungsauffälligkeiten unterstützen, und eine Schulsozialarbeiterin. Und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vereins Ganz Selm, die die offene Ganztagsschule betreuen – Mittagessen inklusive, das jeden Tag frisch in der Schulküche zubereitet wird.

Als die Quäker zur Schulspeisung luden

Gelegenheit, zu essen, gibt es für manche Kinder auch schon 1921 in der Ludgerischule – allerdings unter gänzlich anderen Umständen. Für ein Jahr finanziert damals die amerikanische Quäkergesellschaft eine Speisung bedürftiger Schüler: etwa 60 Mädchen und Jungen – zumeist Kinder aus dem wachsenden Heer der Bergarbeiterfamilien, die zur Zeche strömen. Sie können sich jeweils vier bis sechs Wochen lang aufpäppeln lassen.

Industrialisierung sorgt für Zuzug

Die rasante Industrialisierung ist es, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine ebenfalls rasante Modernisierung von Schule und Unterricht fordert. Der Grund: eine neue und höhere Qualifikation der Arbeiter ist plötzlich gefragt. So ist es in dem 2015 erschienenen Sammelband „Das erste Schuljahr: von Schultüten zum Ernst des Lebens“ des LWL-Museumsamtes für Westfalen nachzulesen. Merkmale dieser Zeit seien neben der Neuorganisation der Schulverwaltung und -aufsicht auch der „heute noch augenfällige Bau vieler großer Schulgebäude“. Die Ludgerischule fällt in diese Zeit, obwohl 1893 noch niemand ernsthaft daran glaubte, dass Selm eine Zeche öffnen würde, bestenfalls hoffen. Denn zu dieser Zeit fanden im gesamten Kreis Lüdinghausen Bohrungen nach Kohle statt.

Mit dem „Gesetz betreffend die Grundschule und die Aufhebung der Vorschulen“ vom 28. April 1920 wird die Grundschule für alle Kinder verpflichtend und den Volksschulen zugeordnet. Erst 1964 wird die Volksschule in Grund- und Hauptschule getrennt.

Wo „Bad“ und „Bete und arbeite“ die Kinder begrüßt: Die Ludgerischule feiert 125-Jähriges

© Sylvia vom Hofe

Stephanie Brockhaus blickt zum Geburtstag ihrer Schule – „ich fand das Gebäude vom ersten Augenblick sehr beeindruckend“ – nicht nur zurück. Sie freut sich bereits auf die Zeit nach den Herbstferien. Dann wird das komplett renovierte Dachgeschoss fertig sein mit seinen dringend benötigten Büros und Besprechungsräumen,

Mehr als nur ein Schhulfest


Bevor es so weit ist, gibt es an diesem Samstag aber bereits Grund zu Freude: Um 10 Uhr beginnt das Schulfest zum 125-jährigen Bestehen. Jeder sei dazu willkommen, sagt die Schulleiterin.

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