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«Siegertypen» landen geschlagen auf dem Boden

Hamburg (dpa) - Die Bühne ist mit weißem Teppichboden ausgelegt. Zwischen weißen Sofas, Lampen und Wänden räumt eine puppenhafte Gastgeberin im Designerkleid (Stefanie Stappenbeck) die Reste einer Party ab, während ihr smarter Ehemann (Ronald Zehrfeld) fetzige Musik aus einer Bang & Olufsen-Anlage hört.

Deutliche Signale für den Theaterbesucher: Erscheint Oberfläche derart glatt, muss sie umso heftiger bröckeln. Und so geschieht es auch in Dennis McIntyres Boulevard-Komödie «Siegertypen». Bei deren deutscher Erstaufführung am Hamburger St. Pauli-Theater unter der Regie von Hausherr Ulrich Waller spendete das Publikum viel Applaus.

Ein später Gast (Uwe Bohm) bringt die Fassade des um Geld und Status bemühten Mittdreißiger-Ehepaares - er Anwalt, sie Lehrerin - zum Einstürzen: Gegen Ende des 80 Minuten kurzen, bereits 1987 uraufgeführten Stücks liegen alle Drei geschlagen auf dem nun mit Alkohol und Scherben besudelten Teppichboden. Denn auch der nächtliche Besucher, ein Feuerwehrmann, ist nicht der, der er zu sein vorgibt. Frustrationen und Aggressionen treiben diese Menschen an, provozieren Lebenslügen. Zeitbezogene Mittelstands-Kritik verband der Amerikaner McIntyre (1946-1990) hier mit altbewährter Schein-Sein-Thematik.

In den späten 80er Jahren waren es Yuppies und «dinks» - double income, no kids -, die er derart outete. Am Long Wharf Theater in New Haven, Connecticut, spielte Hollywood-Star Kevin Spacey («American Beauty», 1999) 1988 den Eindringling Ben. Nachdem das Stück des Drehbuchautors McIntyre («Im Vorhof der Hölle», 1990) bald lange vergessen worden war, ließ es Spacey 2005 am Londoner Theater Old Vic, dessen Leiter er geworden war, erneut aufführen: Mit sich selbst wieder in der Rolle des Ben erzielte er damit einen großen Erfolg. Dort ließ sich Waller inspirieren, «National Anthems», so heißt das Original, in etwas aktualisierter Form nach Hamburg zu holen.

Der Regisseur lässt seine Darsteller Stappenbeck, Zehrfeld und Bohm, jeder dem St. Pauli-Theater lange verbunden, gewähren - ein versiertes und engagiertes Trio, das dem Abend Power verleiht: Alle schlagen sogleich einen aufgekratzten Boulevard-Ton an, stürzen sich mit Verve in ihre Rollen: Aus coolen BMW-Fahrern werden so schnell emotional verkrüppelte Elends-Flüchtlinge, Bohms dreister, von ihm mit wüster Körpersprache ausgestatteter Feuerwehrmann verzehrt sich in aller Armut nach Ruhm und Heldentum. Dabei löst der lockere angelsächsische Wortwitz des Stücks immer wieder Lacher aus.

Doch das Spektrum der erlebbaren Gemütsverfassungen muss letztlich begrenzt bleiben, denn dieser amerikanische Albtraum bietet im Kern nur wenig mehr als Pseudo-Tiefgang und erst recht keine Gegenwartsanalyse. Besonders bedauerlich ist die starke Vorhersehbarkeit der Geschichte.

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