Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige
Anzeige

Söder am Ziel, Seehofer auf der Flucht

München. Zum Feiern hat Markus Söder eigentlich gar keine Zeit. Auch wenn er nun am Freitag in die Staatskanzlei eingezogen ist, steht die größte Herausforderung noch bevor. Für ihn - aber auch für Horst Seehofer.

Söder am Ziel, Seehofer auf der Flucht

Markus Söder folgt als bayerischer Regierungschef auf CSU-Chef Seehofer, der von dem Amt am 13. März zurückgetreten war. Foto: Sven Hoppe

Markus Söder ist noch nicht vereidigt, da hält es Horst Seehofer nicht mehr an seinem Platz. Er eilt aus dem Saal, verlässt den Landtag. Fast sieht es aus wie eine Flucht. „Ich muss zu einem Termin“, sagt er im Hinausgehen. „Einem dringenden Termin.“

Er wünsche Söder „nur das Beste von ganzem Herzen“. Die Vereidigung seines Nachfolgers als Ministerpräsident nur wenige Momente später lässt der 68-Jährige aber sausen, ebenso dessen kurze erste Rede.

„Es ist mir eine Ehre, diesem Land und den Menschen dienen zu können“, sagt Söder, nachdem er sein großes Ziel erreicht hat - und das mit maximalem Rückhalt: Er, der intern nicht nur Freunde hat, hat wohl alle CSU-Stimmen bekommen und bedankt sich für den „großartigen Vertrauensvorschuss“. Seehofer sagt dazu: „Wir hatten 99 Stimmen und Markus Söder hat 99 Stimmen erhalten und damit ist alles klar.“

Trotz aller demonstrativen Geschlossenheit bleibt Seehofer dann allerdings doch keine Minute länger als nötig. Aber immerhin: Er war da. Bis zuletzt hatten viele in der CSU gemutmaßt, dass der neue Bundesinnenminister die Inthronisierung seines ewigen Dauerrivalen versäumen würde.

Im Landtag hatte er sich schließlich seit Monaten nicht mehr blicken lassen, er sieht sich von der CSU-Landtagsfraktion vom Hof gejagt. Nun gibt es das von vielen in der CSU so ersehnte Zeichen der friedlichen Machtübergabe also doch. Für Montag kündigt Seehofer sogar eine offizielle Amtsübergabe in der Staatskanzlei an.

„Jetzt beginnt mit dem heutigen Tag eine neue Ära in Bayern“, sagt der 68-Jährige noch vor Söders Wahl. „Es war eine wunderschöne Zeit, eine spannende Zeit, eine erfolgreiche Zeit. Und jetzt wünsche ich das gleiche dem Markus Söder.“ Der Franke freut sich über Seehofers Kommen: „Finde ich ein gutes Signal auch eines gemeinschaftlichen Übergangs und eines zukünftigen gemeinschaftlichen Miteinanders - er in Berlin an starker, zentraler Stelle, wir hier in Bayern.“

Keine Frage, dieser Freitag markiert nicht nur in Söders Karriere eine Zäsur. Mit dessen Wahl im Landtag will die CSU den endgültigen Schlussstrich ziehen unter einen jahrelang schwelenden und im vergangenen Jahr offen geführten Machtkampf. Denn als Söder am Mittag seinen Amtseid auf die bayerische Verfassung ablegt, ist die neue CSU-Doppelspitze endgültig im Amt: Seehofer, der am Dienstag als Ministerpräsident zurückgetreten war und am Mittwoch als Bundesinnenminister vereidigt wurde - und CSU-Chef bleibt. Und Söder als neuer Ministerpräsident und Spitzenkandidat für die Landtagswahl.

Doch allen öffentlichen Beteuerungen, allen Bildern der Eintracht zum Trotz: Dass Seehofer und Söder keine Freunde mehr werden, ist klar. Dass sie so gut zusammenarbeiten werden, wie sie selber behaupten, ist menschlich fraglich, parteipragmatisch zumindest vorstellbar. Einen „Super-Doppelpass“ zwischen Berlin und München könnten sie spielen, hat Söder gesagt. Viele, nicht nur in der CSU, fragen sich aber: Werden beide wirklich immer auf dasselbe Tor spielen?

„Wir haben beide eine große Verantwortung für dieses Land und für unsere Partei“, sagt Seehofer. „Und deshalb wird das vernunftgeleitet sein. Jeder hat genügend Arbeit.“ Dabei hat er der „Bild“-Zewitung pünktlich zum Freitag ein Interview („Der Islam gehört nicht zu Deutschland“) gegeben, von dem er ahnen konnte, dass er damit die Schlagzeilen bestimmen und Söder nach hinten drängen könnte. Seehofer bestreitet freilich ein gezieltes Manöver. „Was ist das wieder für eine Interpretation?“, fragt er. Auch Söder gibt sich äußerlich gelassen über Seehofers tatsächlich nicht gerade neue Aussage: „Ich freue mich, weil das sage ich seit langer Zeit, und das zeigt auch den guten Doppelpass, den wir an der Stelle spielen können.“

Im Landtag aber steht Söder im Mittelpunkt: Der 51-jährige Franke ist nun der jüngste Ministerpräsident in der Geschichte Bayerns. Er tritt in die Fußstapfen Seehofers, die des glücklosen Günther Beckstein, die seines großen Förderers Edmund Stoiber und die seines Jugendidols Franz Josef Strauß. Er ist endlich am Ziel, auf das er so lange und kontinuierlich, so ehrgeizig und mit allen Mitteln hingearbeitet hat. „Bub, mach das Beste daraus“, hätte seine Mutter wohl zu ihm gesagt.

Doch auch wenn er im CSU-Machtkampf obsiegt hat: Söder weiß, dass die eigentliche Herausforderung erst vor ihm liegt - die Landtagswahl am 14. Oktober. Dort droht der CSU, wie schon 2008, wieder der Verlust der absoluten Mehrheit, sollte Söder im Vergleich zu den jüngsten Umfragen (zuletzt 41 bis 42 Prozent) nicht noch kräftig zulegen.

Söder weiß das und arbeitet. „Machen und Kümmern“ werde sein Leitmotiv, verspricht er nach seiner Wahl. Er feilt an einem neuen Image, Landesvater statt Hardliner, um Zweifler auf seine Seite zu ziehen - bislang hält ihn nur etwa die Hälfte der Bayern für sympathisch. Ein Signal in dem Zusammenhang: Er will die Amtszeit des Ministerpräsidenten, auch seine eigene, auf zehn Jahre begrenzen.

Allerdings: Auch wenn Söder nun auf dem Bayern-Thron sitzt, ist er weiterhin von Seehofer abhängig. Längst lassen sich bei einer Wahl bundes- und landespolitische Aspekte nicht mehr trennen. Deshalb muss Seehofer in Berlin möglichst schnell liefern, will er nicht zwangsläufig die Wahlchancen seines Nachfolgers schmälern. So oder so wird er für das Wahlergebnis ohnehin ein Stück weit mitverantwortlich sein. Für die nächsten sieben Monate sind der Parteichef und der neue Ministerpräsident also auf Gedeih und Verderb aneinander gekettet. Doch wie es nach dem 14. Oktober weitergeht - das weiß heute keiner.

THEMEN

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Hintergründe

Niko Kovac: Harter Arbeiter und Vollprofi

Frankfurt/Main. Der FC Bayern München bekommt in Niko Kovac einen harten Arbeiter als Trainer, der mit dem Glamour des Fußball-Geschäfts nicht viel im Sinn hat. Eintracht Frankfurt formte er zum Spitzenclub. Mit seinem Vorgänger Jupp Heynckes verbindet ihn die Arbeitsweise.mehr...

Hintergründe

Viktor Orban - Mit Migranten-Panik zum Wahlerfolg

Budapest. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban schürt bei seinen Anhängern die Ängste vor Migranten. „Man will uns wieder das Land wegnehmen“, schärft er ihnen im Wahlkampf ein. Die EU wolle Ungarn zur Aufnahme Zehntausender Asylbewerber zwingen - und nur seine Regierung könne das verhindern.mehr...

Hintergründe

Trumps martialische Geste

Washington. Donald Trump kommt mit seiner Mauer an der Grenze zu Mexiko nicht weiter. Das nimmt ihm seine Basis zutiefst übel. Also demonstriert der Präsident Härte und schickt die Nationalgarde an die Grenze. Was hat es damit auf sich?mehr...

Hintergründe

Robert Mueller - erfahrener und hoch angesehener Ermittler

Washington. Wird dieser Mann Donald Trump gefährlich? Robert Mueller (72), der frühere FBI-Chef, wurde vom Justizministerium zum Sonderermittler in der Russland-Affäre gemacht. Eine Entscheidung, die in Washington zunächst parteiübergreifend begrüßt wurde.mehr...

Hintergründe

Donald Trump und die Falken

Washington. Donald Trump hat drei wichtige Personalentscheidungen innerhalb weniger Wochen getroffen: Die Tendenz ist eindeutig. Die Politik im Weißen Haus wird radikaler. John Bolton, einer der härtesten Falken, ist bald für die Sicherheitspolitik zuständig.mehr...