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Spätwerk

Berlin. Eine Schaffenskrise befällt viele Menschen, vor allem Künstler. Wie es einem Schriftsteller dabei ergeht, zeigt ein Fernsehfilm im Ersten. In die Rolle schlüpft Henry Hübchen.

Spätwerk

Henry Hübchen als Schriftsteller Paul Bacher. Foto: Christiane Pausch/SWR

Früher war es das Blatt Papier, das leer blieb - heute ist es die Seite auf dem Bildschirm, die gefüllt werden will. Doch was passiert, wenn einem Autor nichts mehr einfällt? Nicht genug damit, passiert dem geplagten Mann auch noch ein schrecklicher Unfall. Von all dem erzählt ein Film mit dem Titel „Spätwerk“, der am Mittwoch (16. Mai) um 20.15 Uhr im Ersten gezeigt wird.

Paul Bacher (Henry Hübchen) ist ein schon etwas älterer Schriftsteller aus Berlin und tingelt auf einer Lesereise irgendwo durch die schwäbische Provinz, was er als Tortur empfindet. Nach einer Lesung in einer Kleinstadt sitzt er mit einer Zuhörerin, der deutlich jüngeren Grundschullehrerin Teresa (Patrycia Ziolkowska), bei einer Flasche Rotwein vor einer Kneipe im Regen.

Gerne würde er mit ihr die Nacht verbringen, doch sie lehnt ab. Ziemlich betrunken, reist er nächtens mit dem Wagen ab, um kurz darauf den Tramper Daniel (Jordan Dwyer) mitzunehmen. Der junge Mann war ihm zuvor bei der Lesung begegnet und redet ziemlich viel, weshalb Paul ihn auf einer einsamen Landstrasse rausschmeißt und dabei versehentlich überfährt. Er läßt den verletzen Mann an einem Baum zurück und flüchtet.

Sowohl seiner Lektorin Hannah (Jenny Schily), mit der er eine Affäre hatte, als auch Teresa, mit der er eine Affäre beginnt, erzählt er nichts von dem Unfall. Später fährt Paul zurück an den Ort des Geschehens, findet Daniels Leiche, schafft sie in den Kofferraum und verbuddelt sie irgendwo in einem polnischen Wald. Aus welchen Gründen er noch einmal dorthin zurückkehrte, ob aus Reue oder aus Furcht vor Entdeckung, bleibt offen.

Autor Karl-Heinz Käfer (70, „Die Auferstehung“) und Regisseur Andreas Kleinert (55, „Sag mir nichts“) zeigen das düstere Drama eines vereinsamten und verzweifelten Mannes auf einer seltsamen Flucht vor sich selbst. Die Dialoge ihres satirischen, teils bösen Filmes sind geschliffen, dazu ertönt leise Jazzmusik oder auch mal ein trauriges Chanson der Sängerin Alexandra. Der Film gewährt entzaubernde Einblicke in die Welt des Literaturbetriebes, und eine bittere Wahrheit drängt ans Licht: Bücher und ihre Figuren sollten nicht mit dem wirklichen Leben verwechselt werden.

Henry Hübchen (71, „Kundschafter des Friedens“) prägt den Film. Er spielt sehr überzeugend einen trinkfreudigen Mann in der Krise, der selbst nicht mehr weiß, ob und wenn ja was überhaupt noch von ihm zu erwarten ist und darüber in Zynismus verfällt. Auf die Bemerkung einer Zuhörerin bei einer Lesung, seine letzten Werke seien ihr zu ironisch und zu kalt, entgegnet er süffisant lächelnd: „Dann nehmen Sie das doch als meinen Beitrag gegen die Erderwärmung“. In seinen Büchern erzählt er viele Paargeschichten, doch seine einzige Ehe ist lange her, und dazu sagt er: „Ich bin nicht masochistisch genug für die Ehe“.

Vielleicht gilt das auch fürs Schreiben. Nach seiner vierjährigen Schreibblockade setzt er sich doch an sein „Spätwerk“, in einem Ferienhaus am Meer. Seine kurze Erzählung mit dem Titel „Licht am Anfang des Tunnels“ - über den Tod eines Trampers - könnte als eine Art von Beichte verstanden werden. Als er vor Teresas Schulklasse von seiner Kindheit erzählt, erntet er viel Begeisterung - der werdende Vater könnte vermutlich sogar gute Kinderbücher schreiben. Aber die unausgesprochene und ungesühnte Schuld am Tod eines Menschen wird das wohl nie zulassen. Auch am Ende des Tunnels ist kein Licht zu sehen.

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