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Helmut Machemer gab sein Leben für seine Familie

Eine wahre Geschichte vom Krieg, Liebe und Treue

Dies ist eine wahre Geschichte vom Krieg, Liebe und Treue. Dies ist die Geschichte einer Stadtlohner Familie, die ins Visier der menschenverachtenden Rassenideologie des Nationalsozialismus geriet. Dies ist die Geschichte von Helmut Machemer, der als Arzt freiwillig in den Krieg zog, um seine Frau Erna und seine drei Söhne zu retten. Hans Machemer, einer der Söhne, hat jetzt in einem Buch die Feldpostbriefe seines Vaters veröffentlicht. Darin spiegelt sich die Tragödie grenzenloser Gewalt – und die Macht der Liebe.

STADTLOHN

, 01.04.2018
Helmut Machemer gab sein Leben für seine Familie

Truppenarzt Helmut Machemer (r.) im Einsatz.

Helmut Machemer wollte nie Soldat werden. Und doch meldet sich der 36 Jahre alte Stadtlohner Augenarzt schon bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 freiwillig zum Heeresdienst. Nach einem Einsatz in Frankreich marschiert er 1941 als Truppenarzt in vorderster Front beim Russlandfeldzug mit.

Nicht für den Führer, sondern für Frau und Söhne

Nicht aus Abenteuerlust, nicht für Führer, Volk und Vaterland, sondern für seine Frau Erna und seine drei Söhne. Einer von ihnen, der heute 83-jährige Hans Machemer, hat jetzt die Feldpostbriefe und Fotos seines Vaters als Buch („Woführ es lohnte das Leben zu wagen“) herausgegeben: berührende und erschütternde Dokumente vom Anstand in der Barbarei – mit einem tragischen Ausgang.

Helmut Machemer gab sein Leben für seine Familie

Helmut Machemer schreibt in einem Unterstand einen Brief nach Hause. Foto privat

19. Oktober 1941: „Ich spiele Soldat aus Pflichtgefühl, und jeden Augenblick würde ich gern die Pistole tauschen mit dem chirurgischen Messer des Arztes.“

1935 zieht die Familie nach Stadtlohn. Hier wohnen die Machemers an der Dufkampstraße 1. Im gleichen Jahr geben die Nürnberger Rassegesetze dem Leben der jungen Familie eine dramatische Wende. Helmut Machemers Frau Erna wird als „Halbjüdin“ eingestuft. Sie darf ihr Medizinstudium nicht abschließen. Auch den drei kleinen Söhnen droht als „Vierteljuden“ die gesellschaftliche Ächtung.

9. November 1941: „Lieber Robert, Hansi und Dieter! Vati darf jetzt gar nicht von hier wegfahren, denn es sind noch nicht alles Russen totgeschossen. Aber es dauert sicher nicht mehr sehr lange.“

Die Kassenärztliche Vereinigung verwehrt dem jungen Augenarzt die Zulassung wegen seiner Ehe mit einem „Mischling“. Die Diskriminierungen schmerzen Helmut Machemer zutiefst. Er will sich nicht damit abfinden. Und er will treu zu seiner Erna und den Kindern stehen.

Helmut Machemer gab sein Leben für seine Familie

Erna Machemer. Foto privat

Bei Kriegsausbruch sieht er seine Chance. Sein verwegener Plan: Er will sich durch besondere Tapferkeit auszeichnen, damit seine Familie in den Genuss einer Ausnahmeregelung der Rassegesetze kommt. Hitler persönlich hat sich die Zustimmung für Ausnahmen vorbehalten. Helmut Machemers Ziel ist es nun, sich an der Ostfront die Bescheinigung der „Deutschblütigkeit“ für Frau und Kinder zu erkämpfen – allen geringen Aussichten zum Trotz.

18. November 1941: „Ich bin nun mal hier und muss durchhalten. Ich bin nicht ängstlich, auch nicht waghalsig, weil ich den Ernst kenne.“

In 160 Briefen an seine Familie und fast 2000 Fotos hat Helmut Machmer seine Fronterlebnisse festgehalten. Mit dem klaren, um Objektivität bemühten Blick des Naturwissenschaftlers schildert er seine Beobachtungen, die langen Märsche, die blutigen Kämpfe, aber auch den Soldatenalltag hinter der Front. Klar, bildhaft, sich selbst hinterfragend und mit Mitgefühl auch gegenüber den Russen. Auch wenn er den Kindern flapsig schreibt, es müssten alle Russen totgeschossen werden. Er operiert sogar in einem sowjetischen Krankenhaus russische Soldaten. Und immer wieder schildert er seine Einsätze als Truppenarzt direkt hinter den Kampflinien, dort wo Granatsplitter fliegen und Maschinengewehrsalven Soldaten zu Hunderten niedermähen.

29. November 1941: „Ich fühle mich wie ein Ausgestoßener aus der Familie. Das Vaterland verlangt wahrlich viel von mir. Hier liege ich in der vordersten Linie. Und werde gleichzeitig von dieser Heimat verfolgt und gedemütigt. … Wer wird dann (wenn ich falle) für meine Kinder einstehen, für die letzten Ende alles sein muss?“

Erna Machemer schickt derweil beruhigende Briefe aus Stadtlohn an die Ostfront. „Zuhause geht alles seinen Gang. Die Buben sind gesund und munter“. Sie erzählt ihrem Helmut vom Garten, von den Fortschritten der Kinder in der Schule. Und die drei Söhne erzählen von ihren Abenteuern, schicken Gedichte und selbst gemalte Bilder.

12. Dezember 1941: „Das Endziel aller meiner Bemühungen ist die Ariererklärung meiner Kinder. … Jeder von uns hier draußen muss damit rechnen, dass er diesen Krieg nicht überlebt. Sollte ich meinen Weg nicht zu Ende gehen können, so werde ich mein Ziel, daran glaube ich, nicht minder erreichen.“

Der deutsche Vormarsch ist längst zum Erliegen gekommen. Der brutale Krieg, die hohe Zahl der Opfer auf beiden Seiten, Hunger und Kälte zermürben Helmut Machemer zusehends. Er wird verletzt, erkrankt häufiger. Düstere Gedanken und dunkle Vorahnungen plagen ihn.

4. Februar 1942: „Wenn dieses Morden noch lange andauert, wird kaum einer übrig bleiben von uns allen.“

5. April 1942, Ostern: „Ja: Unterarzt, Oberarzt, Leutnant und Gefreite! Alles das sind wir, nur das eine nicht: Mensch. Ach, wieder einmal Mensch, wieder ein Selbst sein dürfen.“

Glücksgefühle im Frühjahr: Helmut Machemer wähnt sich am Ziel seiner Mission. Ihm wird das Eiserne Kreuz 1. Klasse verliehen. Nun hofft er auf den Erfolg seines Gnadengesuchs an Adolf Hitler.

14. Mai 1942: „Liebe Erna, ich kann Dir gleich die schöne Nachricht zukommen lassen, dass ich heute das EK I erhalten habe. Ein Ziel ist erreicht.“

Der Brief erreicht Erna Machemer am 31. Mai. Da ist Helmut Machemer schon 13 Tage tot. Am 18. Mai 1942 fiel er „durch großes Pech, in seinem Pkw sitzend, durch einen Granatsplitter eines neben ihm liegenden Granatzufallstreffers. Er wurde am Kopf tödlich verwundet und war sofort tot“, schreibt sein Kommandeur Major von Witzleben an die Witwe in Stadtlohn.

Zehn Monate später, am 17. März 1943, teilt das Oberkommando der Wehrmacht Erna Machemer mit, dass „der Führer“ entschieden habe, dass sie sich und ihre Nachkommen als „deutschblütig“ bezeichnen darf. Zwei Jahre später geht die Rassengesetzgebung mit dem NS-Unrechtsstaat unter.

Erna Machemer überlebt den Krieg um 25 Jahre. Bis 1962 wohnt sie in Stadtlohn, dann zieht sie nach Münster. Alle drei Söhne werden, so wie es ihr Vater erhoffte, Professoren und renommierte Wissenschaftler. Erna Machemer spricht bis zu ihrem Tode 1970 mit ihren Söhnen nicht über die Motive ihres Vaters, in den Krieg zu ziehen.

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