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„Ihr habt es in der Hand!“

Crash-Kurs-NRW

Es herrscht Stille, wo man sonst jedes Geräusch hört: 114 Schüler der Jahrgangsstufe zwölf sitzen in der Aula des Geschwister-Scholl-Gymnasiums. Seit über einer Stunde haben sie keinen Mucks von sich gegeben. Niemand steht auf, obwohl eine besondere Veranstaltung gerade zu Ende gegangen ist.

STADTLOHN

von Von Simon Sax

, 27.06.2012

Polizisten, Rettungsassistenten, ein Notfallseelsorger und eine Mutter haben die Stille in die Aula gebracht. Sie führten am Dienstag das Projekt „Crash-Kurs-NRW“ am Gymnasium in Stadtlohn durch. Die Kampagne der Polizei NRW soll die Zahl der Verkehrsunfälle senken – bei denen starben 2011 im Kreis Borken 23 Menschen. Die Helfer konfrontierten die Schüler mit ihren Eindrücken von Unfallorten, den Traumata der Unfallverursacher und dem Schmerz der Hinterbliebenen. Schon das Video, mit dem sie die Veranstaltung eröffneten, löste Beklommenheit aus: völlig zerstörte Autowracks, Notärzte und Rettungsassistenten im Einsatz, Kreuze und Kerzen am Straßenrand, untermalt mit dramatischer Musik.

Neben der Stimme des jeweils Vortragenden hörten die Zwölftklässler nur ein anderes Geräusch, das sich regelmäßig wiederholte: das Öffnen und Schließen der Türen zur Aula. In den Fluren davor standen Polizisten und Beratungslehrer bereit. Sie kümmerten sich um Schüler, die die Bilder und Schilderungen der Verkehrsunfälle nicht aushielten. So kündigte Polizeihauptkommissar Andreas Rudde zu Beginn an: „Wer schon einmal einen schlimmen Autounfall erlebt hat oder Angehöriger von verunglückten Personen ist, der hat hier nichts verloren. Ihr könnt jederzeit die Aula verlassen.“ Der Ankündigung folgten die Schilderungen der Polizei, des Rettungsdienstes, des Notfallseelsorgers und der Mutter einer bei einem Unfall getöteten Jugendlichen. Rettungsassistent und Feuerwehrmann Christian Wilkes berichtete von seinen Erfahrungen: Bei seinem ersten schweren Einsatz seien ein Lastwagen und ein Auto ineinander gefahren. Das Auto sei in einer Kurve zu schnell gewesen. Bei dem Unfall sei ein Mitfahrer in dem Auto so schwer verletzt worden, dass er bis zur Ankunft im Krankenhaus verblutet war. Wilkes an die Jugendlichen: „Die Stunts, die ihr in Filmen sehnt, haben nichts mit der Realität zu tun. Autos explodieren nicht, aber gehen viel schneller kaputt und zerlegen sich in tausend Einzelteile.“ Warum sind die Schilderungen so drastisch? „Wir zeigen den Jugendlichen bei diesem Projekt die Realität und setzen auf Emotionen“, erklärt Rudde. Den jungen Menschen solle klar werden, welche Folgen ein schwerer Verkehrsunfall für viele habe. Dabei betonten Rudde und seine Kollegen immer wieder, dass die meisten Verkehrsunfälle vermeidbar seien.

 Die Jugendlichen müssten nur die Verkehrsregeln beachten. Nach dem letzten Vortrag ging Rudde zu einem überdimensionierten Luftballon. Der schwebte über der Bühne, beklebt mit Zetteln. Auf denen sind Träume von Jugendlichen notiert. Plötzlich zerriss ein Knall die Stille. Rudde hatte den Ballon zerstochen: „Ihr habt es in der Hand! Ihr könnt euch eure Lebensträume noch erfüllen.“ Als die Bühne sich geleert hatte, blieben die Schüler und die Lehrer zurück – und die beklemmende Stille.

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