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Stephen und Owen King als Wachmacher

München. Die Welt wird von einer Schockwelle erfasst: Sobald eine Frau einschläft, wird sie von einem Kokon umsponnen. Keiner weiß, was mit den zombiehaften Wesen geschehen soll. Ist ein Leben ohne Frauen überhaupt möglich?

Stephen und Owen King als Wachmacher

Der US-Autor Stephen King hat seinen neuen Roman zusammen mit seinem Sohn Owen geschrieben. Foto: Tobias Hase

Sind sie tot oder schlafen sie nur? Ein grausiges Phänomen hat die Frauen der Welt befallen. Sobald sie einschlafen, spinnt sich ein Kokon um ihre Gestalt.

Entfernt man den Kokon gewaltsam, wachen die Frauen kurzzeitig auf, um sich für ebenso kurze Zeit in todbringende Bestien zu verwandeln und dann erneut eingesponnen zu werden.

Stephen King, der 70-jährige Altmeister des Horrors, hat sich gemeinsam mit seinem Sohn Owen (40) eine Geschichte ausgedacht, die weiblichen Leserinnen womöglich noch eine ganze Weile das Einschlafen erschwert.

„Sleeping Beauties“ heißt die wachhaltende Lektüre der Kings. Und darin wird die US-amerikanische Kleinstadt Dooling in West Virginia zum Nabel der Welt. Denn trotz der globalen Auswirkungen beginnt und endet die Story genau hier. Im Mittelpunkt stehen der Gefängnispsychiater Clinton Norcross und seine Frau Lila, die es die folgenden Tage als Sheriff von Dooling unglaublich schwer haben wird, für Ordnung zu sorgen. Vor allem auch deshalb, weil sie naturgemäß irgendwann einschlafen wird.

Alles beginnt mit Evie Black, einer wunderschönen jungen Frau, die eiskalt und mit scheinbar übermächtiger Kraft zwei Männer in deren zum Drogenlabor umfunktionierten Trailer umbringt. Lila nimmt die junge Frau fest und bringt sie ins Gefängnis, wo sie von Clint befragt wird. Schon bald merkt der Psychiater, dass mit Evie - den Namen hat man der Namenlosen einfachheitshalber gegeben - etwas nicht stimmt. Sie ist ganz anders als alle Frauen, die Clint kennt: Ihre Wunden heilen in Sekundenschnelle; sie hat keine Fingerabdrücke, und sie wacht „normal“ auf, nachdem sie geschlafen hat.

Währenddessen schlafen alle anderen Frauen allmählich ein und bilden einen Kokon - im Gefängnis ebenso wie außerhalb. Nur wenige können der Müdigkeit standhalten, und wenn, dann meist mit Hilfe von Drogen und Aufputschmitteln. Parallel dazu gerät die Welt der Männer aus den Fugen. Emotional äußerst angeschlagen, wissen sie nicht weiter. Ihr Handeln wird fortan von Verwirrung bestimmt, die sich teilweise in tödlicher Aggression äußert. Und das weltweit.

Anarchie droht, Bandenkriege, Brandschatzung und Plünderungen sind nur einige Auswirkungen der längst apokalyptische Ausmaße angenommenen Entwicklung, die in einer regelrechten Hexenjagd gipfeln. Denn die Unheil bringende Losung lautet wie im Mittelalter: Das Teufelswerk muss vernichtet werden. Und so beginnen einige Männer damit, die atmenden Kokons abzufackeln.

Aber was geschieht eigentlich mit den Frauen unter dem weißen Gespinst? Darüber geben die amerikanischen Autoren im zweiten Teil ihres aufregenden Romans Auskunft. Es tut sich eine Parallelwelt auf, in denen die Frauen ohne Männer zumeist glücklicher leben. Sie haben ihren eigenen Überlebensweg gefunden. Aber wird es eine Zukunft geben? Das fragen sich die Geschlechter auf beiden Seiten. Kann die eigenartige Entwicklung zurückgedreht werden? Was ist Aurora? Und welche Rolle spielen die vielen Motten, die immer dann auftauchen, wenn einer Frau Gewalt angetan wird? Was treibt der nahezu handzahme Fuchs für ein Spiel, der immer in dem Wald bei dem alten Trailer herumschleicht?

Und was ist mit Evie? Sie ist inzwischen neben nur noch ganz wenigen anderen Frauen das einzige wache weibliche Wesen - und eine Schlüsselfigur, was nicht nur Clint erkannt hat. Die Kings haben mit Dooling einen Mikrokosmos geschaffen, in dem die weltweite Schlafpandemie für einen Geschlechterkampf herhalten muss. Anhand von Clint und Ehefrau Lila, die sich neben den großen aktuellen Problemen auch noch mit ihrer Ehekrise rumschlagen, geht es vor allem um Vermittlung und gegenseitiges Verständnis. Emanzipation contra Machogehabe und Sexismus, wobei manche Charaktere (vor allem die fiesen) nahe am Klischee vorbeigeschlittert sind, andere wiederum echt und realitätsnah rüberkommen.

Nebenbei interessant: Die Idee der globalen Ausbreitung einer Krankheit beziehungsweise Erscheinung verwendete Vater King bereits in seinem Erfolgsroman „The Stand. Das letzte Gefecht“ (1978). Dass die Handlung wegen der zahlreichen Mitwirkenden nicht unübersichtlich wird, liegt vermutlich an der radikalen Reduzierung des „Personals“ - sei es durch Gewalt, durch Krankheit oder Suizid.

Dennoch ist der vorliegende Roman keineswegs düster. Und auch der komatöse Inhalt kann es nicht verhindern, dass die Geschichte bunt und lebendig rüberkommt. Das Übernatürliche, was ebenso wie das schaurige Moment zumindest bei Stephen King nicht fehlen darf, kommt auch nicht zu kurz. Kurz: Es ist eine erstaunlich gelungene Mischung von Elementen, die nach einigen eher flachen Arbeiten des älteren King in den letzten Jahren so nicht zu erwarten war - möglicherweise ein Verdienst seines Sohnes Owen, der ebenso wie sein älterer Bruder Joe Hill (King) bereits Kurzgeschichten und Romane veröffentlicht hat. Wobei momentan natürlich noch keiner aus der Familie bislang an den Vater mit über 400 Millionen weltweit verkaufter und in mehr als 50 Sprachen übersetzter Bücher herankommt.

- Stephen und Owen King: Sleeping Beauties, Heyne Verlag, München, 960 Seiten, 28,00 Euro, ISBN 978-3-4532-7144-9.

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