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Steve McCurrys inniger Blick auf Afghanistan

Köln. Es dürfte eines der bekanntesten Porträtfotos überhaupt sein: Ein Mädchen mit locker um den Kopf liegendem roten Tuch blickt den Betrachter aus großen, grünen Augen eindringlich an. Ein Bildband zeigt, dass Steve McCurry immer wieder so wundervolle Fotos gelingen.

Steve McCurrys inniger Blick auf Afghanistan

Der amerikanische Fotograf Steve McCurry ist ein intimer Kenner Afghanistans. Foto: Luca Zennaro

Allein mit Bildern Geschichten erzählen - nur wenigen gelingt das so gut wie dem US-Fotografen Steve McCurry. Seine Fotos aus Afghanistan haben über Jahrzehnte das Bild vieler Menschen von dem konfliktgeplagten Land geprägt.

Eine Auswahl der beeindruckendsten Landschaftsaufnahmen und Porträts zeigt der großformatige Bildband „Steve McCurry. Afghanistan“. Auch sein bekanntestes Foto gehört dazu: das 1984 aufgenommene Porträt eines afghanischen Flüchtlingsmädchens, das den Betrachter aus großen, grünen Augen eindringlich anblickt.

In den vergangenen vier Jahrzehnten ist McCurry immer wieder durch Afghanistan gereist. Seine Fotos zeigen Männer mit großen Waffen und ernstem Blick. Jungen mit Holzgewehren und ernstem Blick. Dazwischen Männer beim Schaukeln, auf Feldern inmitten der grandiosen Landschaften des Landes, im „Schutz“ eines zerstörten Hauses, die eingebrochenen Decken der Stockwerke dicht über den Köpfen. Ein auf der Straße arbeitender Frisör mit seinen wenigen Werkzeugen ist zu sehen, ein blendend grün-rotes Haus inmitten verfallender Häuser in Grau- und Braun-Tönen. Besonders berührend sind die Porträts. Trotz der sichtlich ärmlichen Lebensumstände haben die Menschen viel Stolz im Blick.

In einem Nachwort geht der Historiker und Autor William Dalrymple darauf ein, dass Afghanistan in seiner jahrtausendealten Geschichte „nur wenige Stunden politischer Einheit erlebt“ hat. „Und selbst wenn doch einmal eine Art Einigkeit herrschte, war Afghanistan weniger ein Staat als ein Kaleidoskop rivalisierender Stammesgebiete.“ Die Völker des Landes seien zahlreichen Versuchen zum Trotz nie wirklich erobert oder auch nur erfolgreich besetzt worden. Perser, Araber, Moguln und Sikhs seien ebenso abgewehrt worden wie Briten und Russen.

Eine Mischung aus Stolz und Misstrauen habe sich dabei in den Nationalcharakter eingebrannt und präge ihn auch heute noch, erklärt Dalrymple. „Beim Schlendern über die Basare von Kabul, Mazar oder Kandahar fallen darüber hinaus die große Vielzahl ethnischer Typen auf, die nach den zahlreichen Invasionen zurückblieben.“

In den letzten vier Jahrzehnten sei Afghanistan einer immer stärkeren Fragmentierung anheimgefallen. „In dem Afghanistan, das Steve McCurry in seinen großartigen Bildern zeigt - von denen einige zurecht berühmt sind, andere neu und aufschlussreich -, sieht man noch Spuren der einstigen Pracht und Herrlichkeit.“ Sie dokumentierten aber auch die letzte Phase der traurigen Umwandlung des Landes von einem anspruchsvollen Zentrum der Bildung und Kultur zu einem gespaltenen, von Kriegen zerrissenen Notstandgebiet.

Zu Steve McCurry schreibt Dalrymple, dass dieser intime Kenner Afghanistans um dessen Leiden und Freuden, Reize und Schwierigkeiten wisse. Er habe Geschichte dokumentiert und mitbestimmt, wie die Welt das Land sieht. „Einige Bilder sind umso schockierender, als der heutige Betrachter die weitere Entwicklung kennt.“ Der Bildband bezeuge McCurrys langjährige Liebe zu Afghanistan, seine Solidarität mit den Menschen dort und die Hingabe, mit der er die erstaunliche Vielfalt des Landes aufzeichne.

Die Aufnahmen in „Steve McCurry. Afghanistan“ zeigen oft Armut und Zerstörung. Sie lassen aber auch erahnen, wie reich an kulturellem Erbe das Land war und wie viel Stolz sich seine Bewohner bewahrt haben. Der Bildband fängt in dramatischen, kräftigen Aufnahmen die Atmosphäre eines Landes ein, bei dem auch heute noch unklar ist, wann es für die Menschen wieder aufwärts gehen wird. Zu vielen der Aufnahmen würde man gern mehr erfahren: Was für eine Geschichte spielte sich da ab? Was hat der porträtierte Mensch erlebt? Im Index sind jedoch nur die Jahresdaten und Aufnahmeorte der einzelnen Fotos aufgeführt.

Steve McCurry: Afghanistan, Taschen Verlag, Köln, 256 Seiten, 59,99 Euro, ISBN 978-3-8365-6936-1.

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