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Studie belegt: Ärzte lassen sich von ängstlichen Patienten beeinflussen

WITTEN Die Art und Weise, wie man als Patient sein Leiden beim Arzt präsentiert, hat erheblichen Einfluss darauf, wie man weiterhin behandelt wird. Dr. Stefan Wilm (48), Facharzt für Allgemeinmedizin und Dozent an der Universität Witten-Herdecke führte dazu in Zusammenarbeit mit der Universität Düsseldorf eine Studie durch. Mit RN-Mitarbeiterin Laura Collmann sprach er über die unerwarteten Ergebnisse.

von Von Laura Collmann

, 22.08.2008
Studie belegt: Ärzte lassen sich von ängstlichen Patienten beeinflussen

Dr. Stefan Wilm, Facharzt für Allgemeinmedizin und Dozent an der Uni Witten/Herdecke.

: ...der absolut nötig war. Die sechs Teilnehmerinnen sollten nicht einfach nur schauspielern, sondern ihre Rolle verinnerlichen. Deswegen haben wir vorher auch so lange mit einer Schauspielerin zusammen gearbeitet.

: Die Studienteilnehmerinnen mussten ihre Rolle „leben“ und zu so genannten „standardisierten Patienten“ werden. Das heißt, dass sie in einer bestimmten Situation immer gleich reagieren und dabei spontan wirken. Genau darauf kam es uns an, damit wir die Gespräche mit dem Arzt möglichst realistisch aussehen lassen konnten.

: Sicherlich. Am Ende der sechs Schulungen sind aus den Studentinnen aber sehr überzeugende Schauspielerinnen geworden.

: Nachdem die Vorbereitungen vorüber waren, sind wir zu insgesamt 52 niedergelassenen Allgemeinmedizinern gegangen. Wir haben immer zwei Studentinnen an verschiedenen Tagen zu einem Arzt geschickt und ihnen starke, aber harmlose Kopfschmerzen vorgegaukelt. Die Symptome waren dabei identisch. Die eine Testperson hat eine ängstliche Patientin gespielt, d.h. sie hat zum Beispiel Fragen wie „Sind sie sich auch wirklich sicher?“ gestellt. Wichtig war uns dabei, dass wir den Arzt nicht unter Druck setzen. Die andere Studentin mimte die neutral-akzeptierende Patientin, d.h. sie nahm sich der Meinung des Arztes sofort an. „

: Nein. Wir haben die Ärzte im Vorfeld natürlich gefragt, ob sie damit einverstanden sind, an der Studie teilzunehmen. Alle Allgemeinmediziner wussten Bescheid, dass wir ihnen zwei Mal einen Besuch abstatten würden. Einige haben sogar einer heimlichen Tonbandaufnahme zugestimmt. Allerdings waren sie sich nicht im Klaren darüber, welches Geschlecht die Testpersonen haben und wann sie kommen würden. Dementsprechend haben sie in der gestellten Situation auch nicht gemerkt.

: Ich hätte gedacht, dass die Mediziner sich mehr Zeit für die ängstlichen Personen nehmen, um sie beruhigen und eine Vertrauensbasis aufzubauen. Genau das Gegenteil trat jedoch ein: häufig wurde die ängstliche Patientin zu einem Neurologen etc. überwiesen, obwohl das vollkommen unnötig war.

: Genau, dabei sollten sie sich im Idealfall aber selbst reflektieren und ihre Angst eingestehen. Das ist überhaupt nicht problematisch, wenn man ehrlich zu dem Patienten ist und offen zugibt, dass man unsicher ist. Wenn dieser dem Arzt vertraut, nimmt das oft die Angst und Patientin und Mediziner können gemeinsam das Problem angehen. Unsicherheit ist okay - Ärzte sind schließlich auch nur Menschen.

: In manchen Fällen schon. Allerdings werden auch ängstliche Patienten benachteiligt behandelt. Nehmen wir doch das Kopfschmerzproblem - der Arzt gibt die Verantwortung weiter und ordnet zum Beispiel eine Computertomografie an. Eine unnötige Strahlenbelastung ist doch gleich doppelt schädlich.

: Wie gesagt, das Wichtigste ist, dass Arzt und Patient eine Vertrauensbasis aufbauen. Ärzte sollten ihre eigene Verunsicherung wahrnehmen, reflektieren und bewältigen. Als Patient sollte man immer offen über seine Bedenken reden und dem Arzt auch möglichst genau beschreiben, was für ein Typ Mensch sie sind.