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Raue Rampe statt Stauwehr

Plan für Schlinge in Südlohn macht Nachbarn Angst

Die Gemeinde muss das Schlinge-Wehr in Südlohn renaturieren. Doch den Anwohnern stoßen die Planungen sehr sauer auf. Sie fühlen sich überrumpelt.

SÜDLOHN

, 08.06.2018
Raue Rampe statt Stauwehr

„Hochwasser? Nicht schlimm. Hauptsache die Fische kommen durch.“ © Schwarze-Blanke

Bauausschuss, Ratssaal: Nach kurzer Diskussion entscheiden sich die Lokalpolitiker am Mittwoch einstimmig dafür, das Stauwehr in Südlohn umzugestalten. Der Fluss soll für Fische durchgängiger werden. Wenn der Antrag zügig bearbeitet werden kann, winken für die Gemeinde 80 Prozent Fördermittel. Von den Gesamtkosten von 141.000 Euro würden so nur noch 28.000 Euro übrig bleiben. Den Rest würde das Land tragen. Durch die Reihe der Zuschauer geht ungläubiges Raunen. Rederecht haben sie in dieser Sitzung nicht: „Ich hatte den Eindruck, ich wäre im falschen Film“, berichtet Franz Telöken nach der Sitzung. Er wohnt in der ehemaligen Mühle direkt an der Schlinge. Seine Befürchtung: Hochwasser. „Ich fürchte um mein Eigentum. Die lassen mich absaufen“, sagt er. Denn beim letzten Hochwasser 2016 hatte er gerade noch zehn Zentimeter zwischen dem Wasserspiegel und seiner Kellertür.

Durch den Umbau des Wehrs wird der Wasserspiegel an der Stelle erhöht. Telöken hat Angst, dass sein Keller beim nächsten Schlinge-Hochwasser geflutet wird. „Das muss einem doch direkt ins Auge springen“, sagt er. Fragen konnte er dazu bisher nicht stellen. Informationen bekamen er oder seine Nachbarn auch nicht. Denn – und das wiegt für die Gruppe der Anwohner viel schlimmer als die Umbaupläne – sie wurden nicht informiert. „Wir wurden lediglich zum vergangenen Bauausschuss eingeladen“, sagt auch Berthold Hinske, dessen Haus am Oberwasser, kurz vor dem Wehr steht. Dass in der Sitzung dann aber schon ein Beschlussvorschlag gefasst wurde, war für die Anwohner ein Schlag vor den Kopf. Um eins klarzustellen: „Wir haben überhaupt nichts gegen die Renaturierung. Im Gegenteil, wir haben uns sogar darüber gefreut, dass die Natur an der Schlinge wieder hergestellt wird“, erklärt Berthold Hinske. Und auch der Ingenieurin machen sie keinen Vorwurf. Die habe von der Verwaltung einen Auftrag erhalten und den abgearbeitet. Der Groll der Anwohner richtet sich gegen Politik und Verwaltung. „Wieso hat man mit uns nicht gesprochen?“, Otger Höing lässt die Frage unbeantwortet im Raum stehen.

Status Quo soll erhalten bleiben

Denise Hermann, Ingenieurin vom Büro Flick, hat die Planungen auf- und in der Sitzung vorgestellt. Dreh- und Angelpunkt der gesamten Planung: Niemand darf nach der Renaturierung schlechter gestellt sein, als vorher. Und so sollen weder die Veränderungen in der Höhe des Wasserspiegels noch der Fließgeschwindigkeit den aktuellen Status Quo verändern.

Sie kann die Aufregung jedoch zum Teil verstehen: „In solchen Projekten stecken ja immer viele Emotionen. Wäre es mein Grundstück, würde ich auch viele Fragen haben.“ Sie wirbt aber dafür, die Planungen mit etwas Abstand zu betrachten. Wichtig sei natürlich immer, alle Fragen der Anwohner zu beantworten. „Aber die Öffentlichkeitsarbeit liegt in den Händen der Gemeinde. Und das macht jeder anders“, sagt sie.

Bürgermeister setzt sich für Transparenz ein

„Transparenz ist unbedingt nötig“, erklärt Südlohns Bürgermeister Christian Vedder. Und: „Falls es der Fall ist, dass sich Anwohner übergangen fühlen, tut mir das leid.“ Er erklärt aber auch, dass es sehr schwierig ist, allen gerecht zu werden. „Wir müssen auch die Politik frühzeitig informieren. Würden wir erst Anwohnergespräche führen, hätten wir dasselbe Problem in der Politik. Unser Anliegen ist immer, alle so frühzeitig wie möglich zu informieren.“ Vedder hat die Fördermittel im Blick: „Deswegen sind wir etwas flotter unterwegs.“ Er versucht aber auch zu beruhigen: Durch den Umbau werde niemand schlechter gestellt. Das sei Grundlage aller Planungen. Und: „Der Hochwasserschutz muss immer an erster Stelle stehen“, so Vedder.

Das will die Verwaltung den Anwohnern noch einmal gesondert erklären. Vor der nächsten Ratssitzung am 20. Juni plant die Verwaltung einen Informationstermin mit den Anwohnern.

Bis dahin ist sowieso noch nichts entschieden. Dort kommt das Thema wieder auf die Tagesordnung. Die Nachbarn wollen sich weiter gegen den Umbau wehren. Was sie planen, lassen sie aber noch offen: „Wer verkündet seine Strategie schon in der Zeitung“, sagt Telöken mit einer Portion Galgenhumor.

Aktuell fällt die Schlinge am Wehr ungefähr 90 Zentimeter in die Tiefe. Für Fische eine nicht zu überwindende Barriere. Das muss geändert werden: Die Stufe wird abgebrochen und durch eine sogenannte Raue Rampe ersetzt. Zuständig dafür ist die Gemeinde Südlohn, weil sie das Staurecht an dem Wehr hat. Zwischen dem jetzigen Wehr und ungefähr der Höhe der L572 sollen neun Grundschwellen mit je sieben Zentimeter Höhe eingebaut werden. Fließgeschwindigkeit und Wasserspiegel werden dadurch so angepasst, dass Fische die Möglichkeit haben, die Schlinge flussaufwärts zu durchqueren. Der Umbau des Wehrs ist im Umsetzungsfahrplan der Wasserrahmenrichtlinie vom Kreis Borken für 2019 bis 2027 verankert.
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