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Schulsport ist vielen Lehrern fremd

Mangel an Fachpersonal

In NRWs Grundschulen fehlen ausgebildete Sportlehrer. Dieser Trend geht auch an den beiden Südlohner Grundschulen nicht vorbei. Eine Ergänzung zum regulären Unterricht könnte die Kooperation mit Sportvereinen sein.

SÜDLOHN

, 21.02.2018
Schulsport ist vielen Lehrern fremd

Beim Aktionstag an der St. Vitus-Schule spielten die Kinder unter Anleitung der Tischtennis-Trainer des SC Südlohn. © Falko Bastos

Das sollten wir auf jeden Fall öfter machen“, findet die 9-jährige Joelina. Die Viertklässlerin ist begeistert vom Tischtennis-Projekt in der St. Vitus-Schule. Dort haben sich die Tischtennis-Trainer des SC Südlohn einen ganzen Vormittag Zeit genommen, um den Schülern ihre Sportart näherzubringen.

Für die Kinder eine willkommene Abwechslung vom Schulsport. Der ist landesweit zum Sorgenkind geworden, weil es zu wenige ausgebildete Sportlehrer gibt. Besonders betroffen von dieser Entwicklung sind die Grundschulen.

Die Hochschulen spucken immer weniger Absolventen aus: Zuletzt machten in NRW gerade noch 100 Frauen und Männer einen Abschluss im Fach Sport für Grundschulen, teilt das Schulministerium für 2016 mit. Ein dramatischer Absturz. Hatte fünf Jahre zuvor noch etwa jeder achte examinierte Grundschullehrer Sport studiert (237 von insgesamt 1782), ist es heute nur noch jeder sechzehnte (100 von 1522).

Auch in Südlohn ein Problem

Ein Problem, das auch die Südlohner Grundschulen betrifft. An der von-Galen-Schule in Oeding gibt es nur eine Sportlehrerin, die dieses Fach auch studiert hat: die stellvertretende Schulleiterin Mathilde Geuking. „Die Anforderungen werden immer weiter angehoben und die Aufnahmeprüfungen immer schwerer. Das wird in der Zukunft sicherlich ein Problem werden, gerade beim Schwimmen“, fürchtet sie.

An der St. Vitus-Schule ist derzeit gar kein ausgebildeter Sportlehrer im Einsatz, da die einzige Lehrerin mit Sport im Examen in Elternzeit ist. Eine der vier Sportlehrerinnen an der Schule, die fachfremd unterrichten, ist Anja Schulze. An Erfahrung mangelt es ihr nicht, denn sie erteilt bereits seit zwölf Jahren Sportunterricht. „Learning by doing“, sagt sie.

Warum ist das fachfremde Unterrichten überhaupt ein Problem? Professor Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln kritisiert: „Sportunterricht wird häufig auf die leichte Schulter genommen und viel zu oft von unqualifiziertem Personal durchgeführt.“ Einfach einen Ball in die Halle zu werfen und die Kinder sich selbst zu überlassen, sei nicht der richtige Weg. Mathilde Geuking hält ihre fachfremden Kollegen zwar nicht für unqualifiziert, sagt aber: „Manche Sachen werden ausgespart, etwa beim Geräteturnen“. Anja Schulze bestätigt dies: „An die großen Geräte traue ich mich nicht heran. Dadurch fällt vieles flach. Das ist natürlich schade.“

Jeder Sportlehrer an der Schule könne selbst entscheiden, was er sich zutraue – und da seien die fachfremden Lehrer natürlich vorsichtiger. „Grundsätzlich kann die Schule jeden Lehrer Sport unterrichten lassen, steht aber auch in der Verantwortung, wenn etwas passiert“, erklärt Schulleiterin Friederike Voß. „Da habe ich als Schulleiterin auch manchmal Bedenken. Ich stehe immer mit einem Bein in der Gefahrenzone. Die Alternative wäre, dass der Sportunterricht ausfiele.“ Strenger sind die Vorgaben beim Schwimmen, das nur mit einer Zusatzqualifikation unterrichtet werden darf.

Lehrermangel könnte bedrohlich werden

Eine schnelle Lösung des Problems ist nicht in Sicht. Der Lehrermangel insgesamt werde nach einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung bedrohlich, sobald ab 2021 die geburtenstarken Jahrgänge die Eingangsklassen fluten. Vorsorgen solle das Land laut Stiftung durch flexible Lehrereinstellung. Das tut es im Fach Sport ohnehin. Über die Qualifikationserweiterung Sport (QUES) bildeten 650 Lehrer sich seit 2015 fort, unterrichten Sport „fachfremd“. Andersherum wurde der Weg ins Lehramt auch für Sport-Absolventen ohne pädagogische Ausbildung geöffnet. „Die werden didaktisch fortgebildet, aber das ersetzt kein Lehramtsstudium“, so Friederike Voß.

Vielleicht sind es Projekte wie das des SC Südlohn, die den regulären Sportunterricht künftig ergänzen können. Tischtennis-Trainer Gerd Medding leitete den Sportvormittag für die Dritt- und Viertklässler der Schule gemeinsam mit seinem Trainerkollegen Hubert Thies und Betreuer Manfred Terbrack. „Wir wollen hier die Grundlagen vermitteln und zeigen, wie es richtig geht. Das können die Sportlehrer doch gar nicht leisten.“ Für den Verein ist der Aktionstag ein Versuch, Nachwuchs zu gewinnen. Von der Zusammenarbeit profitieren beide Seiten.

In drei Gruppen lernen die Schüler an mehreren Stationen Tischtennis-Grundlagen – von der Balljonglage im Slalomparcours bis zum Spiel an der Tischtennisplatte. Die Trainer zeigen die richtige Technik. „Nicht wie eine Bratpfanne halten, sondern wie beim Händedruck“, erklärt Hubert Thies die Schlägerhaltung. „Bei den Schülern kommt das richtig gut an“, urteilt Lehrerin Anja Schulze. „Bei uns wird die Tischtennisplatte leider nur selten genutzt.“

Voß: Eine gute Sache

„Die Vernetzung mit den örtlichen Vereinen ist eine gute Sache“, findet auch Schulleiterin Friederike Voß. „Aber den Schulsport nach Lehrplan ersetzt das nicht.“ Denn den Trainern der Vereine fehle die pädagogische Ausbildung. Die Zusammenarbeit mit dem Verein will sie dennoch weiter ausbauen. „Wir haben bereits mit der Schachabteilung des SC Südlohn zusammen gearbeitet und zwei Nachmittags-AGs angeboten“. Und künftig soll auch das deutsche Sportabzeichen in Kooperation mit dem Verein abgenommen werden.

Zumindest beim Thema Infrastruktur sieht es in Südlohn besser aus als in vielen anderen Städten. Während in vielen Turnhallen NRWs der Putz bröckelt, freuen sich die Südlohner Grundschulen über gute Bedingungen. Beide Grundschulturnhallen wurden bereits umfangreich saniert. Die baufällige Dreifachturnhalle der ehemaligen Roncalli- und heutigen Hans-Christian-Andersen-Schule soll folgen. „Für den Schwimmunterricht können wir ein Lehrschwimmbecken in Weseke nutzen“, sagt Mathilde Geuking. Auch mit der Geräteausstattung und der Unterstützung durch die Gemeinde ist sie sehr zufrieden. „Da haben wir tolle Bedingungen.“

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