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Szczepan Twardochs Gangsterroman „Der Boxer“

Berlin. Rasant und brutal - in seinem neuen Roman „Der Boxer“ geht der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch über zahlreiche Leichen. Er zeichnet ein - ziemlich blutiges - Sittengemälde eines Gangsterlebens der Vorkriegszeit.

Szczepan Twardochs Gangsterroman „Der Boxer“

Szczepan Twardoch 2014 beim Literaturfestival lit.Cologne. Foto: Henning Kaiser

Brachial, brutal, gewalttätig: Szczepan Twardochs neuer Roman „Der Boxer“ ist Literatur noir mit einem schlagkräftigen Helden vom Kaliber eines Meyer Lansky.

Denn der Jakub Shapiro, der Titelheld, ist nicht nur ein Boxer, er ist auch ein Gangster, die rechte Hand des „Paten“ Kaplica. Der polnische Originaltitel des Buches ist „Der König“ – und um zum König des kriminellen Warschaus aufzusteigen, ist Shapiro bereit, alles zu opfern.

Twardoch schreibt über Machos und Gangster, Huren und prügelnde Kunden, über Zionisten und fromme Juden. Denn Shapiro, ein Jude, hat für den Paten das Sagen in den Straßen und Gassen des jüdischen Viertels, kassiert Schutzgeld auf dem Kerelec Markt, vollstreckt brutale Strafen, rächt aber auch misshandelte Prostituierte, die unter seinem Schutz stehen. Er ist einer, der im Maßanzug rumläuft, aber auch im armen Teil des jüdischen Warschau als „einer von uns“ gesehen wird. Männer bewundern oder hassen ihn, und Frauen sind ihm nur zu gerne willig.

In seiner Beschreibung des alten Muranow zeichnet Twardoch das Bild eines Warschaus, das im Zweiten Weltkrieg unterging, einer Stadt, in der Juden und Polen in zwei Welten lebten, die oft von gegenseitigem Misstrauen geprägt waren – ganz anders als die heutzutage so gern geschilderte kulturell bereichernde Symbiose.

Das liegt nicht zuletzt am Zeitpunkt der Handlung im Jahr 1937 – nicht nur zwei Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg, der mit dem deutschen Überfall auf Polen begann, sondern auch zu einer Zeit, als die Nationaldemokraten das Sagen hatten mit einer Politik, die den ethnischen und religiösen Minderheiten alles andere als wohlgesonnen war.

„Das war der erste Moment, in dem Polen mit großen Schritten in die gleiche Richtung zu gehen begann wie Nazi-Deutschland“, begründete Twardoch in einem Interview mit der polnischen Zeitung „Dziennik“ die Wahl des Jahres 1937.

In „Der Boxer“ wird daher nicht nur flaschenweise Wodka getrunken und gekokst, geprügelt und gemordet – es geht auch um den 1937 eingeführten Numerus Clausus für jüdische Studenten an polnischen Hochschulen, um die sogenannten Ghetto-Bänke in Hörsälen. Die Frage der Emigration nach Palästina stellt sich auch für Shapiro – sein jüngerer Bruder, ein Zionist, drängt ihn ebenso, Polen zu verlassen, wie seine Frau Emilia. Seine ehemalige Geliebte dagegen, die Bordellschefin Ryfka, versucht ihm den Gedanken auszureden.

Das Politische und das Persönliche vermischen sich für den Boxer zu einem Durcheinander, das zu einem Strudel der Gewalt führt. Denn sein im letzten großen Kampf im Ring bezwungener Gegner gehört zu den Kämpfern der extremen Rechten, dessen Vater, ein führender Staatsanwalt, gegen den „Paten“ und Shapiro kämpft. Und dann ist da noch Anna, die Schwester des Kontrahenten, die sich Shapiro als Liebhaber nimmt, um den verhassten Vater zu provozieren.

All das wäre schon temporeich, dramatisch und aktionsgeladen genug, um Leser zu fesseln. Doch Twardoch führt seine Leser auch noch mit seiner Erzählweise in die Irre. Wenn sein Ich-Erzähler Rückschau auf die Vergangenheit des Jahres 1937 hält, scheint der Verlauf der Erzählung eigentlich ganz klar zu sein. Doch Twardoch liefert noch so manchen dramaturgischen Überraschungsmoment.

Szczepan Twardoch: Der Boxer, Rowohlt, 460 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978-3-7371-0008-3

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