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Täter: Ehemann - Gewalt in den eigenen vier Wänden

Berlin (dpa) Von ihrem Partner oder Ehemann gequält und verprügelt, schaffen viele Frauen dennoch nicht den Absprung. Im schlimmsten Fall kostet sie das lange Warten ihr Leben. Hilfsangebote gibt es viele - doch oft scheuen betroffene Frauen den Kontakt.

Täter: Ehemann - Gewalt in den eigenen vier Wänden

Wenn der Mann schlägt: Viele Frauen haben Gewalt durch einen (Ex-) Partner oder nahen Vertrauten erlebt. Foto: Maurizio Gambarini/Symbolbild

Wenn er nicht bei seiner Geliebten war, soll der Mann seine Ehefrau immer wieder erniedrigt und geschlagen haben. Es habe oft Streit gegeben, sagen Nachbarn. Tagelang soll die 30-Jährige nicht die Wohnung in Berlin-Kreuzberg verlassen haben, damit man sie nicht «in dem Zustand» sehe. Jeder habe das gewusst, sagen Anwohner. Und doch schwiegen sie. Auch die Ehefrau fand wohl lange Zeit keinen Mut, sich gegen ihr Martyrium zu wehren. Bis zu dem Tag, als sie den Mann Erzählungen nach endgültig rauswerfen wollte. Ihr Todesurteil, sagen Nachbarn.

Der 32-Jährige rastet völlig aus. In der Nacht zum vergangenen Montag tötet und enthauptet er die Mutter seiner sechs Kinder vor den Augen von Anwohnern. Es ist der grausamste Fall seit langem in Berlin. Das Problem, das der Tat vorausging, ist altbekannt: häusliche Gewalt. 2011 zählte die Polizei allein in Berlin mehr als 16 100 solcher Fälle. Wie viele Frauen sich nicht gemeldet haben, ist unklar.

Überall in Deutschland demütigen, quälen, vergewaltigen, verprügeln und - im Extremfall - töten Männer ihre Partnerinnen. Nach einer Studie des Bundesfamilienministeriums hat jede vierte Frau in Deutschland sexuelle oder körperliche Gewalt durch ihren (Ex-)Partner oder einen nahen Vertrauten erlebt. Ein Viertel trug Verletzungen davon, mehr als die Hälfte litt danach unter psychischen Problemen. Der Gesellschaft entstehen durch Therapien, Arztbesuche, Polizeieinsätze und Justizverfahren hohe Kosten.

Nicht immer geht es bei Gewalt in den eigenen vier Wänden um Leib und Leben. Der Kreuzberger Fall ruft aber in Erinnerung: Hilfe wird von Betroffenen nur selten oder zu spät gesucht - oder auch vom Umfeld angeboten, meinen Experten. Dabei gibt es Anlaufmöglichkeiten für Betroffene: Frauenhäuser, Hotlines, Beratungsstellen, Notdienste und die Polizei. «Wir erleben es aber oft, dass sich Frauen nicht trauen, sich zu melden», sagt die Geschäftsführerin der Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG), Patricia Schneider. Hier können Betroffene über eine Hotline Hilfe finden.

Oft seien Frauen jahrelang Gewalt ausgesetzt und hätten kein Selbstvertrauen mehr - ein neues Leben zu beginnen, sei da eine große Herausforderung. «Es klingt verrückt, aber viele haben auch Angst vorm Alleinsein oder wollen dem Mann nicht die Kinder nehmen», sagt die Sozialpädagogin.

Wenn Frauen sich schließlich doch von ihren Peinigern lossagten, sei die Gefahr nicht gebannt. «Gerade bei Trennungen steigt das Risiko enorm an, dass die Gewalt erst recht eskaliert», sagt Schneider. «Studien zeigen, die Gefahr ermordet zu werden, ist dann fünfmal so groß.» 2011 wurden in Deutschland laut Kriminalstatistik 154 Frauen von ihren aktuellen oder ehemaligen Lebenspartnern umgebracht.

Experten betonen, dass häusliche Gewalt «vererbt» werden könne. Kinder, die selbst geschlagen würden oder Gewalt miterlebten, würden Gewalt später manchmal in der eigenen Partnerschaft weitergeben, sagt Birte Rohles von Terre des Femmes. «Sie haben es nicht anders gelernt, es gab keine anderen Vorbilder.»

Forscher betonen: Gewalt gegen Frauen findet zwar unabhängig von Einkommen, Bildungsstand und sozialer Schicht statt. Das belegt auch die kürzlich erschienene Studie. Öfter und schwerer trifft es aber bildungsferne Schichten und Migrantinnen - vor allem mit türkischem Hintergrund, so die Autoren.

Auch die grausam getötete Frau aus Kreuzberg kam aus der Türkei - als sogenannte Importbraut für ihren Mann. Bis zuletzt sprach sie kaum Deutsch, sagen Nachbarn. Ein großes Problem, meint der Berliner Psychologe Kazim Erdogan, der in Männergruppen häusliche Gewalt diskutiert. «Wie kann sich jemand bemerkbar machen, wenn er die Sprache nicht beherrscht?»

Zu klären bleibt, warum die - vor allem türkischen und arabischen - Nachbarn nicht eingegriffen haben. Erdogan zufolge meinten viele, in Streitigkeiten zwischen Mann und Frau mische man sich nicht ein. Schneider sagt, Nachbarn wollten nicht als Denunzianten gelten oder hätten selbst Angst vor den gewalttätigen Männern. «Hier hilft nur Aufklärung über eigene Rechte und Hilfsangebote. In der Community ist uns das noch nicht so gut gelungen.»

Website der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen e.V.

Häusliche Gewalt hat viele Gesichter. Birte Rohles von der Hilfsorganisation Terre des Femmes definiert sie als «Gewalt innerhalb einer Partnerschaft oder einer ehemaligen Beziehung». Sie könne aber auch zwischen Kindern und Eltern stattfinden - das sei zunehmend zu beobachten. Häufig seien es junge Männer, die versuchten, die Rolle des Vaters zu übernehmen. Sie schlagen dann zum Beispiel ihre Mutter.

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