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Tatort: Ich töte niemand

Nürnberg. Ziemlich viele Leichen, ein Alt-Nazi und zwei tote Libyer: Der neue Franken-„Tatort“ ist eine verwickelte Tragödie um Rache, Ehre und die Macht von Worten. Und bei den beiden Hauptkommissaren kommen ungeahnt dunkle Seiten zutage.

Tatort: Ich töte niemand

Die Schauspieler Andreas Leopold Schadt, Dagmar Manzel (l), und Eli Wasserscheid in der Kulisse des nachgebauten Kommissariats. Foto: Daniel Karmann

Wer nicht gut aufpasst, hat diesmal beim „Tatort“ aus Franken verloren. Denn es ist eine komplizierte Geschichte über fehlgeleitete Überzeugungen, über Rache und Ehre, die der Autor und Regisseur Max Färberböck in „Ich töte niemand“ an diesem Sonntag (20.15 Uhr) erzählt.

Der 67-Jährige war schon für die erste Ausgabe des ARD-Kultkrimis aus Nordbayern vor drei Jahren verantwortlich - und erreichte damals einen Spitzenwert von mehr als 12 Millionen Zuschauern. Seine neue Geschichte dreht sich nur vordergründig um den brutalen Mord an zwei libyschen Zuwanderern. Eigentlich geht es um die Macht von Worten - und deren Missbrauch.

Für die Hauptkommissare Felix Voss und Paula Ringelhahn (gespielt von Fabian Hinrichs und Dagmar Manzel) sowie ihre fränkischen Kollegen beginnt der Krimi vergnüglich: Der inzwischen gar nicht mehr so neue Kollege Voss gibt im vierten Teil des Franken-„Tatorts“ endlich seinen Einstand mit einer ausschweifenden Party in seiner Wohnung.

Der Spaß endet jäh mit einem Anruf: Ein totes Geschwisterpaar wird in einem abgelegenen Haus gefunden - bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschlagen. „Damit werden wir berühmt“, kommentiert gewohnt trocken der Leiter der Spurensicherung, Michael Schatz (Matthias Egersdörfer). Der Ziehsohn der Geschwister ist seit der grausigen Tat verschwunden. Der junge Mann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni - ein Wunderknabe, Frauenschwarm, „Super-Moslem“, wie Voss verwundert feststellt. Er ist in die grausige Tat verwickelt - doch anders als zunächst gedacht.

Während der Ermittlungen geschieht ein weiteres Drama - ein ganz persönliches für Ringelhahn: Ein Kollege der Nürnberger Polizei stirbt während einer Autofahrt an der Wechselwirkung von Psychopharmaka und anderen Medikamenten. Wie eng sie mit Frank Leitner (André Hennicke) war, gesteht Ringelhahn nicht einmal ihrem Partner Voss.

Max Färberböck erzählt diesmal gleich mehrere Tragödien - und er lässt den Zuschauer auch bei seinen Protagonisten in menschliche Abgründe blicken. Auf die Idee für die Geschichte kam der Regisseur durch Nachrichtensendungen, die er eines Abends sah. Bei Reden von vier internationalen Politikern habe er festgestellt, „wie sehr Worte und damit verbundene Werte für politische Zwecke missbraucht werden“, sagt der 67-Jährige. „Ich war wirklich verwundert, wie alle vier Politiker mit Worten wie Ehre und Haltung, Vaterland und Wahrheit umgegangen sind und einen riesigen Applaus dafür bekommen haben.“ Dabei hätten sie diese Werte auf plumpe Weise missinterpretiert.

Der Missbrauch von Worten habe ihn extrem gestört, sagt Färberböck. „Diese Manipulation, die dahinter stand, empfand ich als etwas sehr Gefährliches. Denn wir leben in einer ziemlich orientierungslosen Zeit, in der sich die Leute mehr und mehr nach Sicherheit sehnen.“ Wenn man Menschen auf diese Weise aufhetze, entstehe „ein Vakuum, das man mit Feindbildern füllen kann“. Dieses Phänomen sei derzeit in vielen Ländern zu finden, etwa in China, Afrika, Russland oder Amerika - und in geringerem Maß auch in Deutschland.

„Die Gefährlichkeit von verbalem Machtmissbrauch ist nicht zu unterschätzen“, sagt Färberböck. Denn wenn Vernunft und Besonnenheit ausgeschaltet würden, herrsche reine Emotion. In seinem „Tatort“ gehe ein charismatischer Alt-Nazi „genauso pornografisch mit Worten wie Haltung und Ehre um wie ein ehrenwerter libyscher Schneider“, sagt der Regisseur. „Beide nehmen das Gewaltpotential, das im Missbrauch von Werten liegt, in Kauf.“

Färberböcks Bildsprache ist ähnlich wie im ersten Franken-„Tatort“: Immer wieder sind die nächtlichen Nürnberger Straßen zu sehen und altmodisch eingerichtete Wohnungen und Räume des Kommissariats. Dazu kommen die grüne Landschaft und der weite Himmel des Umlands. Die passende Musik lieferte der Isländer Ólafur Arnalds mit „So Far“ - einem melancholischen Lied über Einsamkeit und Fremde.

Zwischen dem ganzen Schrecken blitzt jedoch immer wieder ein ganz eigener Humor durch - etwa durch den sarkastischen Egersdörfer, die überfreundlichen Fränkinnen im Friseursalon oder einen mehrfach in Großaufnahme gezeigten Hintern eines grantigen Hauswarts im Fußballverein (gespielt vom fränkischen Comedian Roman „Bembers“ Sörgel). Dieser lässt Hauptkommissar Voss bei der Befragung zudem ordentlich auflaufen („Jetzt pass mal auf, du Spezialist.“).

Von Anfang an habe er gespürt, „dass die Franken eine tolle Mischung aus großer Geschichte, sozialen Spannungen, Humor und leichter Verzweiflung in sich tragen“, sagt der Oberbayer Färberböck. Diese Gegensätzlichkeit habe ihn von Anfang an fasziniert: „Es interessiert mich, diesen Menschen und Gefühlen irgendwie nahe zu kommen.“ Daher wolle er in seinen Filmen aus Nordbayern „so viele Franken wie möglich besetzen - damit diese Lebensgeister, die da herrschen, im deutschen Fernsehen zu spüren sind - und keine neutrale Menge von Schauspielern, die keine wirkliche Zugehörigkeit haben“.

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