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Tennessee Williams' «Treppe nach oben» in Mülheim

Mülheim/Ruhr (dpa) Die «Treppe nach oben» ist ein Fund. Das Schauspiel gehört zu den Jugendstücken von Tennessee Williams (1911- 1983), eines der namhaftesten US-Dramatiker des 20. Jahrhunderts.

Das Theater an der Ruhr grub das vergessene «Gebet für die, die wilden Herzens sind/und im Käfig gehalten werden» (so der Untertitel) aus und spielte am Donnerstagabend in Mülheims Theater am Raffelbergpark die 19 Szenen zum ersten Mal auf Deutsch. Das Publikum begrüßte Roberto Ciullis Inszenierung mit begeistertem, langanhaltenden Applaus.

Williams Thema ist ebenso uramerikanisch wie universell: die Freiheit! Benjamin B. Murphy kann sich glücklich schätzen. Der junge Mann findet gleich nach dem Studium, anders als die meisten seiner Kommilitonen, einen Arbeitsplatz. Aber Ben ist in der Hemdenfabrik von Mr. Gum unglücklich. Die Arbeit stumpft ab, sie steht in unüberbrückbarem Widerspruch zu Bens Sehnsucht nach Abenteuer und Erfüllung. Als er Mr. Gum, der ihn ermahnt, offen seine Sehnsucht gesteht, will der Chef sich bis zum nächsten Tag überlegen, ob er Ben feuert.

In den 24 Stunden durchlebt Ben Szenen, die ihm Vor- und Nachteile eines ganz anderen Lebens abseits der Spießeridylle vor Augen führen. Tennessee Williams war sich offenbar selbst nicht klar, welche Entscheidung richtig und realistisch wäre ­ er erfindet einen phantastischen Schluss. Ben erklimmt die «Treppe nach oben», hinauf auf das Dach der Hemdenfabrik und wird dort von einem Gott berufen, ein neues Leben auf einem anderen Planeten zu begründen. Zum guten Ende wird Ben in eine bessere Welt entrückt.

Ciulli betont in seiner Inszenierung die symbolischen Elemente, Traum und Wachen fließen ineinander. Am besten gelingt eine Szene, in der Ben seine Kollegen an den Nähmaschinen sieht, wie sie nach Jahrzehnten altgeworden sind; Spinnen haben sie mit Fäden und Netzen umsponnen und an die Maschinen geklebt: ein starkes Bild für ungelebtes Leben. In einer anderen Szene verwandelt sich ein Paar in Dompteur und Bestie. Die Beziehung zwischen Menschen ist alles andere als gleich und würdig. Anpassung und Unterwerfung schildern Ciulli und sein spielfreudiges Ensemble ganz im Sinn des Dramatikers als inhuman.

Steffen Reuber spielt Ben als phantasievollen, sensiblen jungen Mann; er trägt eindeutig Züge von Tennessee Williams, der seinen Traum, dem Stumpfsinn des Alltagstrotts zu entkommen, mit seiner Karriere als Dramatiker zumindest teilweise verwirklichen konnte.

Die deutschsprachige Erstaufführung in Mülheim hat trotz einiger Längen bewiesen, dass die «Treppe nach oben» ein spielenswertes Stück ist. Entfremdete, geisttötende Arbeit ist ein Problem, das auch heute noch nichts von seiner Aktualität verloren hat.

www.theater-an-der-ruhr.de

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