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„The Florida Project“: Armut am Rand von Disneyworld

Los Angeles. Eine Sechsjährige lebt mit ihrer Mutter in einem Billig-Motel in Florida. Der Hausmeister, gespielt von Willem Dafoe, ist ein Lichtblick in dem hoffnungslosen Leben der Bewohner.

„The Florida Project“: Armut am Rand von Disneyworld

Halley (Bria Vinaite) lebt mit ihrer Tochter Moonee (Brooklynn Prince) in einem schäbigen Motel. Foto: Prokino

Die sechsjährige Moonee und ihre junge Mutter Halley wohnen in dem grell lila angemalten „Magic Castle“, ein Motel im sonnigen Florida, ganz in der Nähe des Freizeitparks  Disneyworld. Doch ihr Alltag ist von der Glitzerwelt des „magischen Königreiches“ meilenweit entfernt.

Sie gehören Amerikas Armutsschicht an, leben in verwahrlosten Siedlungen, schäbigen Billig-Motels, zwischen Supermarktketten, am Rande von breiten Autobahnen. Vor dieser trostlosen Fassade spielt sich Moonees kunterbuntes Leben ab.

Sie ist vorlaut und frech, treibt ständig Unfug, spuckt mit ihren Freunden Jancey und Scooty von hohen Balkonen und bricht in leerstehende Häuser ein. Auf diesem wilden Abenteuerspielplatz sind die Siedlungskinder sich selbst überlassen, die Mütter arbeiten in Fast-Food-Ketten, schaffen als Prostituierte an oder sind auf der Jobsuche. 

„The Florida Project“ wurde an 35 heißen Sommertagen in Florida gedreht. Der amerikanische Regisseur Sean Baker hatte nur ein kleines Budget, die meisten seiner Darsteller sind Laien. Nur eine Rolle wurde mit einem bekannten Schauspieler besetzt: Willem Dafoe spielt den Hausmeister und Motel-Manager Bobby, der mit endloser Geduld das vergammelte Gebäude in Schuss hält und sich mit väterlicher Fürsorge um die Bewohner kümmert. 

Baker ist damit ein anrührendes und zugleich erschütterndes Porträt einer vergessenen Randgruppe gelungen. Die Streiche der laut-dreisten Moonee bringen mitunter zum Lachen. Sie selbst begreift das Elend um sie herum noch nicht. Doch die Zuschauer sehen die Aussichtslosigkeit und den täglichen Überlebenskampf dieser verarmten Menschen am Rande von Golfplätzen und teuren Ferienhotels.

Schon mit seinem Film „Tangerine L.A.“ über Transsexuelle auf dem Straßenstrich in Hollywood erregte der Regisseur Aufsehen. Baker drehte das Comedy-Drama mit Laiendarstellern ausschließlich mit seinem Smartphone, weil er kein Geld für eine größere Digitalkamera hatte. „The Florida Project“ realisierte er dagegen mit einer klassischen 35-Millimeter-Kamera. Die satten Bonbon-Farben des lila gestrichenen Motels und die „Sonnenseiten“ Floridas kommen damit noch mehr zur Geltung. 

Die besondere Stärke des Films liegt jedoch bei seinen Darstellern. Monatelang suchte Baker nach seiner Moonee-Besetzung. Es sollte ein Kind aus Florida sein. Mit Brooklynn Prince, die bis dahin nur Werbespots gedreht hatte, fand er das perfekte Energiebündel. Mit schriller Stimme und einem starken Auftreten wird Brooklynn zu Moonee, die fürchterlich nerven kann, aber auch empfindsam ist. 

Glück hatte Baker auch mit der Newcomerin Bria Vinaite. Er entdeckte die junge Frau auf Instagram und lud sie zum Vorsprechen für die Rolle ein. Sie spielt Moonees arbeitslose, meist fluchende und rauchende Mutter Halley. Dem einzigen „Star“, Willem Dafoe, gelingt als Nebendarsteller die Gratwanderung, die Laiendarsteller nicht in den Schatten zu stellen. Der für Bösewichtrollen bekannte Schauspieler, unlängst bei der Berlinale für sein Lebenswerk geehrt, brilliert mit intensiver Zurückhaltung. Nur selten verliert er die Fassung, auch wenn die Kinder ihm böse Streiche spielen, die Mieter randalieren oder Halley am Monatsende das Zimmer nicht bezahlen kann. Bobby ist die Seele und das Herz in dieser glanzlosen Welt, die er mit lila Wandfarbe immer wieder nachbessert. 

Seine dritte Oscar-Nominierung hat sich Dafoe mit dieser Rolle redlich verdient. Bei der Trophäen-Gala unterlag er allerdings Sam Rockwell als Nebendarsteller in dem Independent-Film  „Three Billboards in Ebbing, Missouri“. Weitere Oscar-Nominierungen holte „The Florida Project“ nicht, obwohl der von US-Kritikern hoch gelobte Film zuvor bereits viele Festival-Preise gewonnen hatte. Ein Trost: das renommierte American Film Institute (AFI) setzte Bakers eindrucksvolles Regiewerk auf seine Liste der zehn besten Filme des Jahres 2017. 

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