Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige
Anzeige

Interview zu Personalmangel

Theologe Kreß: "Kirchen schaden sich auch selbst"

Dortmund Die beiden Kirchen sind mit fast 1,3 Millionen Beschäftigten zusammen der zweitgrößte Arbeitgeber Deutschlands - nach dem öffentlichen Dienst. Doch anders als bei den staatlichen Einrichtungen darf im kirchlichen Bereich nicht jeder arbeiten - das führt langsam zu Personalmangel. Wir haben mit dem Theologen Hartmut Kreß darüber gesprochen.

Theologe Kreß: "Kirchen schaden sich auch selbst"

Katholische Kindertagesstätte: Zunehmender Personalmangel.

Hartmut Kreß: Im Grundsatz gilt, dass die Kirchen nur Angehörige der eigenen Konfession oder Angehörige einer christlichen Kirche einstellen. Dieser Grundsatz ist in der katholischen „Grundordnung des kirchlichen Dienstes“ oder auf evangelischer Seite in der „Loyalitätsrichtlinie“ verankert. Praktisch können die Kirchen diesen Grundsatz aber nicht mehr vollständig durchhalten, weil sie auf dieser Basis nicht genügend Mitarbeiter bekämen. Somit ist das Prinzip durchlöchert, es wird aber – zumindest theoretisch – aufrechterhalten.

Vor allem in den neuen Bundesländern ist eine große Zahl von Mitarbeitern in der evangelischen Diakonie nicht evangelisch und eine große Anzahl ist auch gar nicht christlich, sondern konfessionslos. Inzwischen gibt es auch muslimische Beschäftigte, dies aber in geringerer Zahl. Dennoch: Das Prinzip als solches gilt nach wie vor.

Doch. Das Stichwort ist die Rechtssicherheit. Sie ist ganz entscheidend für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, sowohl was die Einstellungsbedingungen als auch die Beschäftigungsbedingungen angeht. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: In einer katholischen Einrichtung ist bis heute die Wiederverheiratung nach einer Scheidung nicht zulässig und stellt einen Kündigungsgrund dar. Die Begründung ist das katholische Dogma von der Unauflöslichkeit der Ehe als Sakrament. Hierauf muss sich jeder Arbeitnehmer bei der Caritas zunächst einmal einlassen. Falls ein Arbeitnehmer tatsächlich eine zweite Ehe eingeht, wird der Grundsatz aber nicht immer durchgesetzt. Den einen trifft es und er wird entlassen, der andere hat Glück und es trifft ihn nicht.

Osnabrück Die Stadt Osnabrück soll mit den Trägern konfessioneller Einrichtungen Verhandlungen führen, einstweilen auf das kirchliche Arbeitsrecht zu verzichten, sofern die Dienstleistungen von der Stadt bezahlt werden, fordern die kommunalen Politiker. Die Kirchen üben Kritik an dem Beschluss.mehr...

In bestimmter Hinsicht kann man das so sagen. In manchen Punkten haben sie weniger Rechte als die Mitarbeiter mit der „richtigen“ Konfession, beispielsweise bei der Beteiligung in Arbeitnehmervertretungen. Die Kirchen haben kircheneigene Gremien eingerichtet, nämlich Mitarbeitervertretungen und die arbeitsrechtlichen Kommissionen. Und in diesen Gremien können Arbeitnehmer, die einer anderen oder keiner Konfession angehören, oftmals nicht tätig werden. Allerdings ist die katholische Kirche in dieser Hinsicht etwas toleranter. Diese Restriktion gibt es vor allem bei der evangelischen Kirche.

Die kirchlichen Träger nehmen in einigen Städten und Regionen des Landes fast Monopolstellungen ein, etwa in den Bereichen Kindertagesstätten oder Krankenhäuser. Daher sind Arbeitnehmer auf diese Arbeitsplätze angewiesen. Ich halte es für problematisch, wenn junge muslimische Frauen zögern, sich als Erzieherin ausbilden zu lassen, weil ihnen gesagt wird, dass sehr viele Kindertagesstätten vor Ort kirchlich sind und sie zunächst eine Hürde haben, überhaupt eingestellt zu werden. Und dann besteht für sie erst recht die praktisch unüberwindbare Hürde, in eine Leitungsfunktion zu gelangen. Das ist in unserer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr angemessen und ist ungerecht. Es widerspricht auch dem Gedanken der Toleranz.

Das trifft so zu. Darüber muss man kritisch diskutieren. Es ist doch fraglich, warum Mitarbeiter, die fachlich qualifiziert arbeiten und öffentliche Aufgaben erfüllen, zwingend einer bestimmten Konfession angehören sollen. Warum muss zum Beispiel ein Oberarzt sich zu einer bestimmten Kirche bekennen? Er soll doch in erster Linie professionell tätig sein und die Patienten fachgerecht versorgen. Darauf kommt es an – zumal in einem weitgehend öffentlich bzw. von den Krankenkassen finanzierten Krankenhaus.

Heidelberg Als protestantische Erzieherin aus der Kirche austreten? Als Arzt in einem katholischen Krankenhaus die Scheidung einreichen? Arbeitnehmer, die bei der Kirche angestellt sind, können damit Probleme bekommen.mehr...

Die Kirchen verweisen auf ihr Recht zur Selbstverwaltung und auf die damit einhergehende Definitionshoheit gemäß Artikel 140 Grundgesetz – aufgrund einer alten Bestimmung aus der Weimarer Reichsverfassung, die ins Grundgesetz übernommen wurde. Auf dieser Grundlage bestimmen sie selbst, welche Berufe dem sogenannten verkündigungsnahen Bereich zuzuordnen seien. Darüber hinaus hat der Staat den Kirchen im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz – anders gesagt: im Nichtdiskriminierungsgesetz – eine Ausnahmestellung zugebilligt. Aufgrund von § 9 dieses Gesetzes nehmen Kirchen in Anspruch, Arbeitsplatzbewerber „wegen der Religion“ oder auch aus anderen Gründen zu benachteiligen.  

Nein, es existieren keine klaren und handhabbaren Aufstellungen. Natürlich muss eine evangelische Pfarrerin evangelisch sein – alles andere wäre sinnwidrig. Aber die Kirchen verstehen auch die Tätigkeit eines Pflegers oder eines Arztes in einem kirchlichen Krankenhaus als verkündigungsnah. Da liegt es auf der Hand, dass man nach Begründungen fragt. Leider nennen die Kirchen keine klaren Gründe und keine plausiblen Abgrenzungskriterien.

In allen Bereichen, die kirchliche Tätigkeiten im engeren Sinne bedeuten, also in der Verkündigung und der Seelsorge. Es ginge zu weit, für einen katholischen Priester vor einem staatlichen Gericht die Heiratsmöglichkeit durchsetzen zu wollen. Aber für die anderen Arbeitnehmer in kirchlichen Unternehmen sollte der Schutz der persönlichen Grundrechte, z.B. das Persönlichkeitsrecht und das Recht auf Selbstbestimmung gelten und es sollte Rechtssicherheit herrschen.

Die staatlichen Gerichte tun sich schwer bei ihren Abwägungen. Zum einen weisen sie stets darauf hin, dass das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen verfassungsrechtlich gedeckt ist. Andererseits gibt es seit einigen Jahren den Trend, dass Gerichte verstärkt den persönlichen Schutzrechten, den Grundrechten der Arbeitnehmer Rechnung tragen. Also: Nicht-Diskriminierung, Recht auf Privatsphäre, Recht auf Privatleben. Es gibt in der Rechtsprechung noch keine einheitliche Linie. Aber aktuell zeichnet sich ab, dass Gerichte zunehmend arbeitnehmerfreundlich entscheiden.

Alle sind gefragt. Die Kirchen selbst sind herausgefordert, ihr Arbeitsrecht im Einklang mit den Grundrechten auszugestalten. So wie Kirchen sich aktuell arbeitsrechtlich verhalten, schaden sie sich meiner Meinung nach auch selbst. Sie verlieren an Glaubwürdigkeit. Die Kirchen haben sich inzwischen ja den Toleranzgedanken zu eigen gemacht und treten für Toleranz in Staat und Gesellschaft ein. Aber es fehlt noch der Schritt, die Toleranz innerkirchlich konsequent umsetzen. Es gibt jetzt zwar manchmal Zugeständnisse vonseiten der Kirchen, aber diese kommen meist durch Druck von außen zustande. Noch heute sind die Kirchen in der Regel auch nicht bereit, mit Gewerkschaften Tarifverträge abzuschließen. All dies berührt Grundlagenfragen des Staatskirchenrechts. Letztlich ist daher der Staat gefragt, den religiösen und weltanschaulichen Pluralismus in unserer Gesellschaft aufzuarbeiten, das Verhältnis zu den Religionen insgesamt neu zu klären und das Staatskirchenrecht zu reformieren. Dies gehört auf längere Sicht, langfristig zu den großen rechtspolitischen Herausforderungen in unserer Gesellschaft. Die drängenden Probleme des kirchlichen Arbeitsrechts sollten aber kurzfristig gelöst werden.  

Zur Person


Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Sondierungen in Berlin

Optimismus und Skepsis nach Jamaika-Gesprächen

Berlin Jamaika ausloten, Tag zwei: FDP und Grüne wollten am Donnerstag bei ihrem Treffen bei Blumenkohlsuppe und Streuselkuchen nicht zu sehr in Verletzungen der Vergangenheit rumwühlen. Nebenbei rumort es aber ordentlich - vor allem im konservativen Lager.mehr...

Fußball: Champions League

FC Bayern schlägt Celtic Glasgow ohne Probleme

MÜNCHEN Der deutsche Fußball-Meister FC Bayern München hat den Einzug in das Achtelfinale der Champions League wieder fest im Visier. Die Münchner gewannen am Mittwoch am dritten Spieltag der Gruppe B daheim 3:0 (2:0) gegen Celtic Glasgow.mehr...

Nach ersten Gesprächen

Jamaika: "Gutes Gefühl", aber steiniger Weg

Berlin Ein Anfang ist gemacht: Von einem "guten Gefühl" ist die Rede nach der ersten Jamaika-Runde von Union, FDP und Grünen. In den kommenden Tagen folgen weitere Gespräche nun Schlag auf Schlag. Allerdings ist der Weg bis zu einem Koalitionsvertrag noch lang und steinig.mehr...

Nach ersten Gesprächen

Jamaika: "Gutes Gefühl", aber steiniger Weg

Berlin Ein Anfang ist gemacht: Von einem "guten Gefühl" ist die Rede nach der ersten Jamaika-Runde von Union, FDP und Grünen. In den kommenden Tagen folgen weitere Gespräche nun Schlag auf Schlag. Allerdings ist der Weg bis zu einem Koalitionsvertrag noch lang und steinig.mehr...

Urteil naht

13 Jahre Haft gefordert: Camperin vergewaltigt?

BONN 156 Monate Freiheitsentzug – das fordert die Staatsanwaltschaft im Fall gegen einen 31-Jährigen. Dieser soll im April in der Nähe von Bonn eine junge Frau bedroht und vergewaltigt haben. Am Donnerstag soll das Urteil fallen. Der Angeklagte hat zum Vorfall eine völlig andere Sichtweise.mehr...

Politik

Sachsens Regierungschef Tillich wirft nach Wahlschlappe hin

Dresden (dpa) Bei der Bundestagswahl jubelte die AfD in Sachsen - und löste die CDU als stärkste Kraft im Freistaat ab. Nun zieht Regierungschef Tillich persönliche Konsequenzen. Seine CDU wird kalt erwischt.mehr...