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Thorsten Brinkmann: Kunst kann auch komisch

Stade. Thorsten Brinkmann nimmt allerlei Krempel, stapelt ihn übereinander - und fertig ist das Kunstwerk. Witzig soll seine Kunst sein, den Betrachter unterhalten. Darf man das in so ernsten Zeiten?

Thorsten Brinkmann: Kunst kann auch komisch

Thorsten Brinkmann vor seinem Werk „So viel wie möglich auf einmal tragen“ (2003). Foto: Christian Hager

Thorsten Brinkmann inspirieren Gegenstände, die andere ausrangiert haben. Zum Beispiel dieser zerzauste Sonnenschirm aus braunem Bast.

Jahrelang lag er in Brinkmanns Atelier, bis dieser ihn eines Tages zusammen mit einem Lampenschirm überstülpte. So zappelt, zuckt und plustert er sich zu einem schamanenhaften Vogelwesen in der Videoarbeit „Skrillo“ auf.

Oder Brinkmann stapelt Tischbeine, Vasen, Geweihe, Lampen und alte Schuhe zu Skulpturen, die schon fast menschlich anmuten und vieldeutige Namen wie „Paradiesvögler“, „Pimmeltony“ und „Röckler“ tragen. Was ist hier Objekt, was Subjekt? Was ist Müll und was Kunst? Diese Fragen werfen die Werke des Hamburger Künstlers auf. „Vieles funktioniert spielerisch, ich probiere einfach aus“, sagt er.

Das Ergebnis ist oft ziemlich schräg, aber immer unterhaltsam, wie eine umfassende Ausstellung von frühen bis zu aktuellen Werken im Kunsthaus Stade bis zum 4. Februar zeigt. Der Titel: „Life ist funny, my deer“. Brinkmanns Kunst soll Spaß machen - ihm selbst und dem Betrachter. „Ich mag es gerne humorvoll, das ist ein ganz persönliches Anliegen.“

Damit ist der 46-Jährige eine Ausnahmeerscheinung im zeitgenössischen Kunstbetrieb. „Die Künstler, die sich auf das Wagnis Humor einlassen, kann man an einer Hand abzählen“, sagt die Stader Kuratorin Luisa Pauline Fink. Dafür bekannt waren zum Beispiel das Schweizer Duo Fischli/Weiss oder das Künstlerpaar Anna und Bernhard Blume. Dieser war Brinkmanns Kunst-Professor in Hamburg und prägte dessen Arbeit. „Was schnell mit Humorvollem verbunden wird, ist die Sorge, dass es banal wirkt“, meint Fink.

Doch das Gegenteil ist der Fall. „Das Ernste ist banal, weil alle sich drauf einigen können. Der Witz hat etwas mit Geist zu tun“, erläutert der emeritierte Kunst-Professor Michael Glasmeier, der sich viel mit der Komik in der Kunst beschäftigt hat. Für diese sieht er im Moment schwarz: „Es ist alles sehr moralisch geworden.“ Doch was ist der Grund? Ist uns angesichts politischer Umbrüche, des Aufkommens rechter Parteien, terroristischen Terrors und des Klimawandels das Lachen vergangen?

„Normalerweise sind es die ernsten Zeiten, wo der Witz aufblüht“, sagt Glasmeier. So parodierte der Dadaismus während der Weimarer Republik Kunst, Gesellschaft und Werte. Der Fluxus nahm den etablierten Kunst- und Politikbetrieb nach dem Zweiten Weltkrieg aufs Korn. „Heute traut sich keiner aus den Büschen“, meint Glasmeier. Vielleicht, weil es sich nicht so gut verkauft. Oder vielleicht, weil es als unangemessen empfunden wird.

„Humor hat die Tendenz, nicht ernst genommen zu werden, weil er eben nicht ernst ist“, bringt Brinkmann das Problem auf den Punkt. Dabei sei dieser oft tiefgründiger als sein Ruf. „Es geht um Feinheiten. Humor funktioniert nur, wenn er sich auf etwas bezieht.“ Natürlich könnte Brinkmann auch ernste Kunst machen, schließlich steckt ein ernstes Thema hinter seiner Arbeit.

Ihm geht es um unseren Umgang mit Dingen, die Wegwerfgesellschaft, aber auch um die Macht der Gegenstände über unseren Alltag. „Die haben einen großen Einfluss auf unser tägliches Leben, ohne dass es uns bewusst ist.“ Damit meint er nicht nur die digitalen Taktgeber Smartphone und Tablet. „Alles hat eine bestimmte Bedienungsanleitung.“ Wir setzen uns auf einen Stuhl und liegen nicht drunter. Die Kerze gehört in den Kerzenhalter, der Blumenstrauß in die Vase.

„Man kann das auch moralisierend machen“, meint Brinkmann. „Aber das finde ich total schwer, weil ich auch ein Teil der Gesellschaft bin - und kein Hardcore-Umweltaktivist.“ Früher ging Brinkmann auf Sperrmülltouren rund um Hamburg oder bediente sich auf illegalen Müllkippen. Seitdem es überall Recyclinghöfe gibt, bleibt ihm nur noch der Flohmarkt. Sein ganzes Atelier und ein Lager sind inzwischen voll mit ramponierten und abgelegten Sachen.

Einzeln ist jedes Teil schlicht Müll. Doch wenn Brinkmann es in eine seiner Assemblagen fügt, wird es zu Kunst. „Mich hat schon immer die Frage interessiert, ab wann etwas Kunst ist.“ Da sieht sich Brinkmann in der Tradition von Marcel Duchamp, der mit seinem signierten Pissoir „Fountain“ vor hundert Jahren eine Kontroverse über den Kunstbegriff auslöste. „Auf einmal bekommt es einen anderen Wert, weil es ein anderes Bewusstsein bekommt“, sagt Brinkmann.

Das gilt auch in materieller Hinsicht: Seit zehn Jahren kann Brinkmann von seiner Kunst leben.

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