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Tom Wolfe lebt in seinem Archiv weiter

New York. Das „Fegefeuer der Eitelkeiten“ brachte Tom Wolfe literarischen Weltruhm. Mitte Mai starb der Autor. Die New Yorker Stadtbibliothek ehrt ihn nun posthum mit einer kleinen Ausstellung - denn die Überbleibsel seines Lebens werden dort verwahrt.

Tom Wolfe lebt in seinem Archiv weiter

Tom Wolfe starb Mitte Mai im Alter von 88 Jahren. Foto: Evan Agostini

Tom Wolfe hat alles aufgehoben. Die Manuskripte, Artikel, Briefe, E-Mails, Zeichnungen und Einladungen des stets polarisierenden Schriftstellers, der am 14. Mai im Alter von 88 Jahren gestorben ist, füllen 219 längliche graue Kisten in einem Lagerraum der New Yorker Stadtbibliothek mitten in Manhattan.

2013 hatte die Bibliothek das Archiv des Autors von 1930 bis 2013 für mehr als zwei Millionen US-Dollar gekauft. „Ich habe in der New Yorker Stadtbibliothek so viel Zeit verbracht, seit dem Tag als ich 1962 nach New York kam, dass es sich gar nicht so anfühlt, als würde mein Archiv umziehen. Es kommt nach Hause“, hatte Wolfe damals gesagt. Einige Stücke aus den vielen Kisten zeigt die Stadtbibliothek nach dem Tod des Schriftstellers den Besuchern in einer Ausstellung - unter anderem Teile des Manuskripts von Wolfes wohl berühmtestem Buch: „Fegefeuer der Eitelkeiten“.

Wer tiefer kramen will, der muss sich und die Nummern der Kisten, in die er hineinschauen will, zuvor bei der Bibliothek anmelden. Von Montag bis Samstag können die „Tom Wolfe papers“ dann in einem kleinen Lesesaal im dritten Stock der Bibliothek, in den nur Bleistifte mit hineingebracht werden dürfen, eingesehen werden.

Das älteste Stück stammt nicht von Wolfe selbst, sondern von seiner „Tante Ruth“: „Lieber Thomas, Glückwunsch zu deiner Ankunft in dieser irdischen Sphäre“, schrieb sie am 5. März 1930, drei Tage nach Wolfes Geburt in eine reiche Professoren- und Plantagenbesitzer-Familie im US-Bundesstaat Virginia. „Nun gut, meine königliche Hoheit, du musst vielen Erwartungen gerecht werden - oder auf sie herabschauen - und du musst irgendwie die Witze von deinem Vater aushalten.“

Wolfe selbst malte viel: Einen Bär auf Rollschuhen, oder sich selbst wie er einen riesengroßen Fisch fängt - „mein Traum“, notierte er dazu. Erst in großen, schiefen Buchstaben und dann in enger, zackiger Schrift schrieb er außerdem zahlreiche Briefe an seine Eltern und Schwester Helen - und den „Weihnachtsmann am Nordpol“. Besonders aus Feriencamps verfasste er lange Briefe an die Eltern. „Ich gewöhne mich langsam an Milch und trinke etwa zwei Gläser pro Mahlzeit“, schrieb ein 13-jähriger Wolfe 1943. „Bitte macht euch keine Sorgen, ich werde bald Spaß haben.“ Auch Hut trug Wolfe schon damals, wie ein Namensanhänger beweist. Jahrzehnte später in New York sollte er sich fast nur noch mit weißem Maßanzug und Hut zeigen.

Auf die Kindheit folgen, ebenfalls noch in „box 1“, die Studienjahre an der Elite-Universität Yale. Einladungen zu Hochzeiten, Bällen und Sportveranstaltungen, immer seltener werdende Briefe an Eltern und Schwester und dann schließlich seine Abschlussarbeit über den Einfluss des Kommunismus auf amerikanische Autoren, die abgelehnt wird. „Ich denke, dass der Autor dies in eine exzellente Abschlussarbeit verwandeln könnte, wenn er sein Fazit qualifizieren und nicht belegte Schlussfolgerungen und Anspielungen entfernen würde“, kommentiert ein Professor. Wolfe schreibt die Arbeit um und bekommt den Abschluss.

Währenddessen bewirbt er sich um dutzende Jobs. „Ich habe mehr als hundert Bewerbungen an Zeitungen geschrieben“, sagte er einst der „Paris Review“. „Drei Antworten habe ich bekommen. Zwei Absagen.“ Dutzende dieser Bewerbungen sind im Archiv erhalten. Nachdem es bei Zeitungen nicht klappt, schreibt Wolfe auch an Marketing-Agenturen oder die Fluggesellschaft American Airlines. Seine Eltern und Freunde helfen ihm und schicken beispielsweise eine „Liste der führenden Zeitungen von Texas.“ Schließlich stellt die „Springfield Union“ in Massachusetts Wolfe ein, danach hangelt er sich über mehrere Zeitungsjobs nach New York und schließlich zur Belletristik.

Die hinteren Kisten sind Chronisten von Wolfes rasantem Aufstieg zu Berühmtheit. Buch-Manuskripte, Korrespondenz mit Redaktionen und Verlagen, Anfragen für Vorträge, Fanpost. Detaillierte To-do-Listen zeigen, wie der Autor versucht, die viele Arbeit in den Griff zu bekommen.

Dazwischen immer wieder Alltagskorrespondenz. Von der Simplicissimus-Verlagsgesellschaft aus München beispielsweise, die - auf Deutsch - die Zahlung einer überfälligen Rechnung in Höhe von 44,20 DM einfordert. Die Anfragen werden immer mehr und kommen ab etwa 2007 auch per E-Mail, die Wolfe ausgedruckt und dem Archiv beigelegt hat. Seine E-Mail-Adresse?: dersimpl@aol.com.

„Lieber Tom, Hurra, du eroberst die Titelseiten“, schreibt ihm eine Mitarbeiterin der Nachrichtenagentur AFP. Und der Herausgeber des „Evening Standard“ schreibt: „Lieber Tom, du solltest jeden Tag einen Brief bekommen, der dir sagt, wie toll du bist. Denn das bist du.“ Lynn Nesbitt, bis zum Schluss seine Agentin, telegrafiert im Dezember 1963: „Wo bist du - wie geht es dir - warum höre ich nichts von dir? Ich will dich dringend vor all diesen habsüchtigen Verlegern beschützen, die jetzt mit dir ausgehen wollen.“

Dass Wolfe die viele Fanpost zu Kopf steigt, hat aber auch Nesbitt dem Anschein nach nicht ganz verhindern können. In einem Ausschnitt aus dem „Esquire“-Magazin in Kiste 39 sind die Köpfe zahlreicher berühmter Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler abgebildet. Über dem Kopf von Wolfe steht in großen roten Buchstaben: „Gott“.

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