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Totgearbeitet in der Idylle

"Saure Wiese"

Bochum ist schön, doch nicht jeder hat hier freiwillig gewohnt: Mit fünf Gedenktafeln aus rostigem Stahl setzt der Bochumer Künstler Marcus Kiel hunderten Zwangsarbeitern, die im Lager „Saure Wiese“ leben mussten, das Denkmal „Laute Stille“.

BOCHUM

05.05.2012
Totgearbeitet in der Idylle

Das Team aus Stadt, Künstler und Antifaschistischem Verein.

In einem fernen Teich quaken Frösche, Vögel zwitschern in den Bäumen. Eine leichte Brise weht über den Hügel und durch die jungen Pflänzchen. Direkt neben einer Reihe zarter Sanddornbüsche steht ein aus einem rostigen Stahlbalken heraus gefräster Satz: „Nachts starben die Menschen auf den Pritschen. Morgens standen die Lebenden auf und gingen arbeiten.“ Die aus dem Metall ausgeschnittenen Worte stammen von einem ehemaligen Zwangsarbeiter. Denn auf der Wiese, die so idyllisch zwischen Bochum und Wattenscheid liegt, lebten Menschen, die sich vor acht Jahrzehnten an den Rand ihrer Kräfte und manchmal auch zu Tode schufften mussten.

Sie kamen aus der Ukraine, Weißrussland oder Polen. Junge Männer, viele waren erst 15 Jahre alt, die Ältesten gerade um die 35. „Sie hatten oft keine Ahnung, wie sie hier her gekommen waren“, erklärt Ursula Jennemann-Henkel vom Stadtarchiv. Oft wurden sie aus ihrer Heimat verschleppt. In Bochum angekommen, lebten sie in einem der über hundert Arbeitslager. Allein in „Saure Wiese“ mussten tausend Menschen leben. Das Essen war knapp und gehaltlos, die Arbeit hart, erklärt Jennemann-Henkel, warum nachts die Leute auf den Pritschen starben. Die, die morgens aufstanden, waren kaum kräftig genug, um unter menschenunwürdigen Bedingungen in Zechen und Stahlwerken zu arbeiten.

„Es ist uns wichtig, dass wir deren Geschichte erzählen“, erklärt die Leiterin des Stadtarchivs Ingrid Wölk. Deshalb stehen neben Kiels Installation nun auch fünf Betonquader auf dem ehemaligen Hof des Lagers, die mit Plexiglastafeln von der düsteren Vergangenheit des Geländes berichten. Wuchtige Steinblöcke und ein rechteckiger Kiesweg zeichnen die Konturen der vor Jahrzehnten eingerissenen Baracken und des ehemaligen Appellplatzes nach. Dort wo früher die Wände des leidlichen Obdachs verliefen, wachsen heute neben Hartriegeln, Sanddorn und Johannisbeeren auch Rosen. 4000 Stück. Sie sind noch klein, einige von ihnen haben den Winter nicht überlebt. „Mit den Rosen wollten wir das Thema würdigen“, erklärt Michael Schneider von Grünflächenamt. „Sie sind dornig aber auch sehr edel – ein Symbol für den Menschen.“ Dennoch habe er das Gelände nicht mit dem Thema überfrachten wollen. So fügen sich auch Kiels Stahltafeln harmonisch in die Landschaft. Beiläufig fallen die Blicke der Spaziergänger auf die Buchstaben, die sich selbst aus dem rostigen Stahl gefressen zu haben scheinen. Wenn die Morgensonne scheint, fällt sie durch die ausgefrästen Buchstaben, die sich als Schatten auf den grauen Beton unter ihnen legen. „Ich wollte nicht, dass die Leute davor stehen und in Ehrfurcht erstarren“, sagt Markus Kiel. Dennoch verfehlen seine Schrifttafeln ihre Aussage nicht: Das Material wählte Kiel, weil viele der Zwangsarbeiter selbst Stahl herstellen mussten. Mit der Auswahl der Zitate fasst Kiel großes Leid in wenige Worte.