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Tragödie von Darry: Mutter muss in Psychiatrie

Kiel (dpa) Weil sie ihre fünf Kinder im Wahn getötet hat, muss die Mutter aus Darry (Kreis Plön) dauerhaft in die Psychiatrie. Das Kieler Landgericht verurteilte die 32-Jährige am Donnerstag wegen fünffachen Totschlags. Aufgrund ihrer paranoiden Schizophrenie sei sie schuldunfähig.

Tragödie von Darry: Mutter muss in Psychiatrie

Kerzen und Stofftiere erinnern im Dezember 2007 an die getöteten Kinder.

Da sie eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle, müsse sie langfristig in einer Klinik untergebracht werden, sagte der Vorsitzende Richter Jörg Brommann. Die Frau hatte ihre drei bis neun Jahre alten Söhne Anfang Dezember 2007 betäubt und dann erstickt. Einem Gutachten zufolge handelte sie im Wahn, um ihre Kinder vor «bösen Mächten» zu schützen. Das Gericht folgte den Anträgen von Anklage, Verteidigung und Nebenklage. Unterdessen forderte die Deutsche Kinderhilfe einen besseren Schutz von Kindern vor psychisch kranken Erziehungsberechtigten.

«Das Tragische an der Tat ist, dass sie ihren Kindern eigentlich etwas Gutes tun wollte», sagte Brommann. Die Mutter habe fest geglaubt, dass ihre Kinder nur im Jenseits sicher seien. Weil sie ihre Söhne schützen wollte, fehle das Mordmerkmal der Heimtücke. Deshalb sei die Tat als Totschlag gewertet worden. Die bleiche 32-Jährige mit den braunen Haaren zeigte während der Ausführungen des Richters kaum Reaktionen. Ein psychiatrischer Sachverständiger hatte im Laufe des Prozesses erklärt, sie sei in einem Wahnsystem verstrickt, das sie bis heute nicht mehr durchbrechen konnte.

Nach Angaben des Richters litt die Mutter bereits seit dem Jahr 2000 an ihrer Erkrankung. «Ihre Denkstörungen traten in Form eines komplexen religiösen Wahns zutage, der zunehmend ihre Handlungen bestimmte», sagte Brommann. Stimmen aus dem Jenseits hätten der Frau erklärt, dass ihre Kinder in Gefahr seien. Um gemeinsam mit ihren Söhnen «in Frieden existieren zu können», habe sie schließlich beschlossen, die fünf Kinder und sich selbst umzubringen. Ihren amerikanischen Ehemann, der in dem Prozess als Nebenkläger auftrat, schickte sie kurz vor der Tat zu einer Freundin nach Berlin.

In der Urteilsbegründung schilderte der Vorsitzende Richter noch einmal die erschütternden Szenen, die sich Anfang Dezember in dem Haus in Darry abspielten: Mehrere der kleinen Brüder wachen trotz der Schlaf- und Beruhigungsmittel auf. Ihre Mutter schleppt die Kleinen nacheinander in den Keller, um sie dort mit Plastiktüten zu ersticken. Einige wehren sich gegen ihren Tod, eindeutige Kratzspuren kleiner Fingernägel finden sich später im Gesicht ihrer Mutter. Sie hatte nach der Tat erfolglos versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden und schließlich verzweifelt eine Klinik aufgesucht.

Im Kieler Landgericht hat der sichtlich gebrochene Vater unterdessen am Donnerstag den Saal verlassen. «Es war für mich ein Schock und Horror, während des Prozesses die Details zu erfahren - das konnte ich mir nicht noch einmal anhören», sagte er später.

Auch gegen die Behörden erhob der 35-Jährige Vorwürfe. «Absolut frustrierend» sei die Situation gewesen, Verbesserungen dringend nötig. Im Sommer 2006 war die Mutter ihren Wahnvorstellungen so sehr verfallen, dass sie Haushalt und Kinder allein ihrem Mann überließ. Er drängte sie, zum Psychiater zu gehen. Die Familienhilfe und der Sozial-Psychiatrische Dienst wurden eingeschaltet, doch die Hilfen griffen nicht. «Ich sah das Krankhafte», sagte ein Facharzt vor Gericht. Er habe aber keine Möglichkeit gehabt, die Frau gegen ihren Willen im Krankenhaus zu behalten. Sie wollte damals und auch später nur ambulante Therapie und Medikamente.

Der Verteidiger der 32-Jährigen, Hans-Joachim Liebe, wollte sich nach dem Urteil nicht eindeutig zu einer Schuldzuweisung an die Behörden äußern. «Ein wesentlich engmaschigeres und engagierteres Verhalten der Behörden wäre möglich gewesen», sagte die Rechtsanwältin des Vaters, Ulrike Jäger-Mohrhagen. Sie werde jetzt ein mögliches Fehlverhalten der Behörden und des Facharztes prüfen.

Eine unabhängige Untersuchung darüber, ob Behörden, behandelnde Ärzte oder Psychiater Fehler gemacht haben und ob die schreckliche Tragödie vermeidbar gewesen wäre, habe es bis heute nicht gegeben, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Georg Ehrmann am Donnerstag in Berlin. «Darry muss aufrütteln und dazu führen, das immer noch bestehende Nebeneinander und teilweise Gegeneinander von Psychiatrie und Jugendhilfe zu beenden.» Es gehe nicht darum, den Handelnden Schuld zuzuweisen, sondern es müssten aus dem Fall Konsequenzen für die Zukunft gezogen werden. «Es darf kein Weiter so mit psychisch kranken Erziehungsberechtigten geben», sagte Ehrmann. Die Tragödie in Darry hatte bundesweit Entsetzen und Fassungslosigkeit ausgelöst und neue Diskussionen über den Schutz von Kindern entfacht.

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