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Troja deutlich größer als bisher angenommen

Troja (dpa) «Die sehen, dass wir die Wirtschaft ankurbeln können.» Mit diesen Worten begibt sich der auf Entschlüsselung antiker Zeugnisse spezialisierte Tübinger Professor Ernst Pernicka auf ein ganz neues Gebiet: die Tourismusförderung.

Troja deutlich größer als bisher angenommen

Der Leiter der Troja-Ausgrabungen, Prof. Ernst Pernicka, mit einem Plan der legendären antiken Stadt

Und mit «die» meint er Politiker in der türkischen Provinz Canakkale. Hier liegt die legendäre Stadt Troja, wo Pernicka die Arbeit des Archäologen Manfred Korfmann fortsetzt, der vor drei Jahren gestorben ist.

Der Experte für Archäometrie - einer fachübergreifenden Methode zur Erforschung und Bewertung archäologischer Funde - sieht die Verwirklichung eines lange versprochenen Museums in greifbare Nähe gerückt. Seine Hoffnung wird von maßgeblichen Regierungsvertretern beflügelt, die erstmals nicht nur mit hochtrabenden Ankündigungen glänzen, sondern auch Geld in ihrem Budget haben. Dabei hat wohl auch die Weltkulturorganisation Unesco nachgeholfen.

Immerhin hat Troja seit fast einem Jahrzehnt den Rang eines Weltkulturerbes. In krassem Gegensatz zu diesem Siegel stehen allerdings die knappe finanzielle Ausstattung und die kargen Bedingungen, unter denen die Wissenschaftler an einer der berühmtesten Ausgrabungsstätte der Welt tagtäglich arbeiten, seitdem der Autokonzern Daimler AG als großer Sponsor abgesprungen ist.

Pernicka und seine Mitstreiter wissen, dass sie ihre fundierte wissenschaftliche Arbeit nur fortsetzen können, wenn der Mythos Troja in vernünftiger Form besser vermarktet wird. Denn die verwinkelte Ruine mit Resten einer gut 4000 Jahre währenden Besiedlung verstehen selbst an Geschichte interessierte Besucher ohne fachkundige Begleitung kaum. Das über Jahrzehnte gesammelte Wissen müsste mit Computeranimationen und Nachbauten begreifbar gemacht werden.

Das dafür unverzichtbare Museum hätte aber auch noch einen anderen Nutzen: Hier könnten Grabungsergebnisse ausgewertet und in der ganzen Welt verstreute bedeutsame Funde aus Troja zusammengeführt werden. Doch selbst der Optimist Pernicka weiß: «Das ist ein sehr vermintes Gelände.» Und er drückt damit seine Zweifel aus, dass das Moskauer Puschkinmuseum den vom legendären deutschen Ausgräber Heinrich Schliemann entdeckten Goldfund mit dem klangvollen Namen «Schatz des Priamos» herausgeben würde.

Pernicka betont gleichwohl: «Unser Anspruch ist, dass Troja nicht zu einem Disneyland wird.» Andererseits ist auf türkischer Seite die Erkenntnis gereift, dass es für den Fremdenverkehr in der Region ein Segen wäre, mit solch einer Attraktion zu werben. So haben die Stadtväter von Canakkale alles daran gesetzt, dass inzwischen das hölzerne Pferd aus dem Hollywoodfilm «Troja» von Wolfgang Petersen als Blickfang an ihrer Hafenpromenade steht.

Schließlich kam Pernicka bei der Suche nach öffentlicher Aufmerksamkeit und neuen Geldgebern erst vor wenigen Tagen das Glück zu Hilfe. Kurz bevor knapp ein Dutzend Medienvertreter des Tübinger Presseclubs zu Besuch kamen, gelang den Ausgräbern ein langersehnter Fund: Einen halben Kilometer von der Burg entfernt entdeckten sie im Südosten der Stadt die Fortsetzung eines Verteidigungsgrabens aus der Bronzezeit, dessen Verlauf ausschlaggebend ist für die Frage, wie groß Troja war.

Nun scheinen auch diejenigen in dem jahrelang erbittert geführten wissenschaftlichen Streit klar widerlegt, die dem früheren Troja- Ausgräber Korfmann vorgeworfen hatten, er führe die Öffentlichkeit mit seinen Thesen über die große Bedeutung der Stadt in der Bronzezeit an der Nase herum. Für Pernicka steht nun fest: Troja war um 1200 v.Chr. mit 5000 bis 10 000 Einwohnern das größte regionale Zentrum in einem vom Großreich der Hethiter abhängigen Fürstentum.

In diese Epoche fällt nach bisherigen Berechnungen auch die «Ilias», in der der griechische Dichter Homer den Krieg der Griechen gegen Troja mit den unsterblichen Helden Achilleus und Hektor, Agamemnon und Priamos und den vorausgegangenen Raub der Helena durch den trojanischen Prinzen Paris beschreibt.

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