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Verbraucherzentrale berät überschuldete Senioren

In der Schuldenfalle

Die Verbraucherzentrale schlägt Alarm: Die Energie- und Gesundheitskosten galoppieren, die Renten kriechen. Immer mehr ältere Menschen geraten deshalb in die Schuldenfalle. Die Entwicklung ist erschreckend - vor allem, weil viele Senioren aus Scham nichts gegen die Finanzprobleme unternehmen.

BOCHUM

von Von Thomas Aschwer

, 20.06.2012
Verbraucherzentrale berät überschuldete Senioren

ILLUSTRATION - Ein Mann sitzt am 15.03.2011 in einem Beratungsgespräch bei der Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle des Deutschen Roten Kreuzes in Hamburg (aufgenommen mit einem Spezialobjektiv). Im vergangenen Jahr waren mit 110 000 neuen Fällen so viele Verbraucher zahlungsunfähig wie noch nie in Deutschland. Für das laufende Jahr rechnet die Creditreform damit, dass sogar 120 000 Verbraucher in ein Insolvenzverfahren gehen. Das wäre wieder ein neuer Negativrekord. Foto: Angelika Warmuth dpa/lno (zu dpa-KORR: "Leben auf Pump - immer mehr Verbraucher in Schuldenfalle" vom 29.04.2011) +++(c) dpa - Bildfunk+++

„Als ich vor zehn Jahren hier angefangen habe, gab es nicht einen Fall von Privatinsolvenz in der Beratungsstelle mit einem Betroffenen, der über 60 Jahre alt war. Mittlerweile machen sie zehn Prozent der rund 200 Fälle im Jahr aus“, sagt Kim Redtka von der Verbraucherzentrale Bochum.

Aus ihrer Sicht ist es deshalb wichtig und richtig, dass sich die diesjährige Aktionswoche der NRW-Verbraucherzentralen mit dem Thema „Altersarmut“ beschäftigt. Ein Fallbeispiel: Eva B. ist 71 Jahre alt. Witwe. Als sie jung war, hatte die Familie Vorrang. Sie blieb zu Hause. Das Ergebnis bekommt sie jeden Monat präsentiert: Die Rente beläuft sich auf insgesamt 770 Euro. Viel zu wenig, um den wichtigsten Verpflichtungen nachzukommen. Neben Miete (450 Euro) muss sie Telefon, Versicherungen und Rundfunkgebühren bezahlen. Dazu kommt eine Kreditrate von 420 Euro. „Das ist leider kein Einzelfall“, sagt Kim Redtka. Immer wieder hört sie von Betroffenen, dass sie während der Berufstätigkeit einen Kredit aufgenommen haben. Der nicht selten getilgt wird, wenn der Kreditnehmer längst in Rente gegangen ist. „Dann haben sie ein deutlich geringeres Einkommen.“ Und Probleme, den finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Eva B. hat den Rat der Verbraucherzentrale angenommen – und Privatinsolvenz angemeldet. „Das ist aber eher die Ausnahme“, berichtet die Schuldnerberaterin. In den meisten Fällen hätten die Senioren eine viel zu große Scham, diesen Schritt zu gehen. „Sie haben Sorgen, dass das Nachbarn oder Freunde erfahren.“

Eva B. hat mittlerweile ihre Putzstelle aufgegeben, die Grundsicherung beantragt, Versicherungen gekürzt, sich von den Rundfunk- und Fernsehgebühren befreien lassen und die Kreditrate eingestellt. Ihr bleiben statt bisher 177 jetzt 328 Euro für Lebensmittel und andere tägliche Ausgaben. Bis das Insolvenzverfahren beendet sein wird, ist sie 77 Jahre alt. Sie hat aber immerhin eine finanzielle Perspektive. Das möchte die Verbraucherzentrale künftig für viel mehr betroffene Senioren erreichen als bisher. Ein schwieriges Unterfangen. Viele trauen sich aus Scham nicht in die Räume der Verbraucherzentrale. Und wenn sie kommen, geht es eigentlich um andere Themen wie Gewinnspiele. Erst im intensiven Gespräch öffnen sich einige. „Viele wollen dann aber ohne Insolvenzverfahren die Dinge regeln“, so Redtka. Angesichts des sinkenden Rentenniveaus befürchtet sie eine stark steigende Zahl überschuldeter Senioren.