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«Verlorene Worte» in einer Welt voller Grausamkeit

Hamburg (dpa) Auch in einer Welt, die von kämpfenden Kollektiven beherrscht wird, streben Individuen nach einem Leben voll Liebe und Glück.

«Verlorene Worte» in einer Welt voller Grausamkeit

Oya Baydar: Verlorene Worte

Diese Binsenweisheit versucht die türkische Schriftstellerin Oya Baydar in ihrem intensiven Roman «Verlorene Worte» eindringlich mit Leben zu erfüllen. Mit dem Geschick einer Märchenerzählerin verknüpft sie Handlungsstränge, die sich von den Bergen Kurdistans bis zu den Inseln Norwegens ziehen. In Südostanatolien liefern sich Rebellen der Kurdischen Arbeiterpartei PKK und Regierungstruppen blutige Kämpfe. Doch auch im friedlichen Norwegen zünden Neonazis aus tiefem Ausländerhass ein Haus an.

Im Mittelpunkt des Romans steht der Schriftsteller Ömer Eren. Dem Alt-68er sind mit seinen Idealen auch die Worte verloren gegangen. Je seichter seine Bücher wurden, desto mehr Erfolg hatte er. Doch nun fühlt er sich ausgebrannt, bringt keine Zeile mehr zustande und verliert zunehmend den Kontakt zu seiner Frau und seinem Sohn. Um wieder zu sich selbst und den Quellen seiner Kreativität zu finden, reist er in die Konfliktregion Kurdistan, wo er einst als junger Student beim Brückenbau half.

Die 1940 geborene Oya Baydar engagierte sich in der politischen Linken, wurde nach dem Putsch von 1980 inhaftiert, musste die Türkei verlassen und lebte viele Jahre mit Ehemann und Sohn in Deutschland. Aufgrund einer Amnestie konnte sie 1992 in ihre Heimat zurückkehren. Die studierte Soziologin engagiert sich in einer regierungsunabhängigen Organisation, die sich für einen Ausgleich mit den Kurden einsetzt, und arbeitet als Journalistin. Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie mit vielen Auszeichnungen bedacht. Der Claassen-Verlag stellt ihren 2007 erschienenen Roman «Verlorene Worte» jetzt in der deutschen Übersetzung von Monika Demirel vor, sicher auch mit Blick darauf, dass die Türkei in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse ist.

In einem Verlagstext bestreitet Oya Baydar vehement, sich in der Figur des Schriftstellers selbst porträtiert zu haben: «Ich bin nicht wie Ömer Eren in "Verlorene Worte"», sagt sie. «Ich habe mich nicht von meiner linken Identität losgesagt. Ich versuche immer noch, etwas für die Welt zu tun.» Und Oya Baydar betont: «Ich habe gelernt, mich in Menschen einzufühlen. Ich kann mit Ömer empfinden, mit dem türkischen Soldaten, der gegen die PKK kämpft, aber auch mit den kurdischen Rebellen. Ich kann ihren Schmerz sehen.»

Der Roman ist ein eindringlicher Appell, das Herz auch angesichts von Terror und Grausamkeiten nicht zu verschließen, sondern dem Mitmenschen beizustehen. «Wir werden das Schwierige versuchen. Wir wählen, auf der Seite des Menschen und des Lebens zu stehen», zitiert im Roman die kurdische Apothekerin Jiyan für Ömer Eren ihren ermordeten Mann. Für seine Schriften hätte er am liebsten den Titel «Den Frieden wagen» gewählt, ein Motto des 1945 von den Nazis hingerichteten deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer.

Nach dem ungeklärten Mord an ihrem Mann versucht Jiyan zumindest mit einer Handvoll von Freunden nach seinen Vorstellungen zu leben, während um sie herum Unterdrückung, Folter und Morden weitergehen. Jiyan ist eine starke Frau, doch ihr silbernes Fußkettchen mit den kleinen Glöckchen wirkt wie eine Fessel, die sie an ihre Berge und seine Menschen bindet. Für Ömer Eren wird Jiyan zur Muse, die ihn das verlorene Wort wiederfinden lässt. Oya Baydars Rezepte für eine bessere Welt klingen zuweilen etwas naiv. Aber wie sagt ein Arzt in Ankara gegen Ende des Buches: «Manchmal denke ich, Unschuld ist die wirksamste Waffe.»

Oya Baydar

Verlorene Worte

Claassen Verlag, Berlin

400 S., Euro 22,90

ISBN: 978-3-546-00435-0

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