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In Bergkamen starben mehr als 400 Kumpel

Vor 70 Jahren: Bergwerk wird zum Massengrab

BERGKAMEN Sie erstickten, verbrannten oder wurden von umherfliegenden Trümmern erschlagen: Vor 70 Jahren starben beim größten Grubenunglück der deutschen Geschichte im Ruhrgebiet mehr als 400 Bergleute. Die Katastrophe hatte Folgen für die Sicherheit der Bergleute unter Tage.

Vor 70 Jahren: Bergwerk wird zum Massengrab

Ein Denkmal in der Form eines dreieckigen Turms mit einem abgebildeten Bergmann, der sich auf einer Hacke stützt in Bergkamen. Vor 70 Jahren starben beim größten Bergbauunglück der deutschen Geschichte auf Grimberg 3/4 in Bergkamen 405 Menschen.

Die meisten hatten keine Chance: 466 Kumpel der Frühschicht arbeiteten am 20. Februar 1946 in der Schachtanlage Grimberg 3/4 in Bergkamen-Weddinghofen bei Dortmund. Gegen 12.05 Uhr entzündete ein Funke ein explosives Luft-Methangasgemisch. Auf diese Schlagwetterexplosion folgte eine noch stärkere Kohlenstaubexplosion. Die Druckwelle war so heftig, dass sie sogar durch den 900 Meter tiefen Förderschacht nach oben schlug und über Tage die technischen Anlagen zerstörte. Drei Arbeiter verloren dort ihr Leben. Unter Tage waren es am Ende über 400. Es ist das größte Bergbauunglück der deutschen Geschichte.

Leichen blieben in der Grube

Die meisten Leichen konnten nicht geborgen werden und blieben in der Grube. Zu den insgesamt 408 Toten zählten auch der Werksdirektor und drei britische Offiziere der North German Coal Control (NGCC). Sie hatten sich in der Zeche über einen modernen Kohlehobel informieren wollen. Die Rettungsarbeiten waren ein Wettlauf gegen die Zeit. Grubenwehren aus zwölf benachbarten Bergwerken rückten unter großen Schwierigkeiten an. „So kurz nach Kriegsende fehlten Lastwagen, die Rettungsgeräte hätten heranschaffen können. Hinzu kamen schlechte Straßenverhältnisse“, sagt Martin Litzinger, Leiter des Stadtarchivs Bergkamen. Ausgestattet mit speziellen Sauerstoffgeräten gelangten Rettungstrupps über eine benachbarte Zeche mit einer Verbindung zu Grimberg 3/4 unter Tage in die Nähe des zerstörten Bereichs.

Nachexplosionen

Wegen der ausgefallenen Belüftung kam es zu Nachexplosionen. Auch Brände breiteten sich aus. Die Verantwortlichen beschlossen daher schon bald, die Schächte zu verfüllen und die Verbindung zur Nachbarzeche mit einem Damm abzudichten. Bei einem letzten Kontrollgang trafen Grubenwehrmänner plötzlich noch auf einen Überlebenden, der von weiteren Verletzten sprach.

Die Retter konnten am Abend des 23. Februar schließlich noch acht Männer lebend bergen. Danach wurde die Grube verschlossen. Anderthalb Jahre später wurde die Anlage geflutet, um die immer noch andauernden Brände zu löschen. Erst im Sommer 1952 wurde Schacht 3 erneut abgeteuft. Überreste von weiteren Opfern wurden in den 50er- und 60er-Jahren gefunden und unter einem 1952 errichteten Ehrenmal beigesetzt. 1994 wurde der Schacht stillgelegt.

„Es gab kaum eine Familie im Großraum Bergkamen, die nicht in irgendeiner Weise von dem Unglück betroffen war“, sagt Archivar Litzinger. „283 Witwen beklagten den Tod ihrer Ehemänner, 433 Töchter und Söhne den Tod ihrer Väter. Einige Kinder und Jugendliche wurden durch das Unglück gar zu Vollwaisen, da ihre tödlich verunglückten Väter bereits früher ihre Ehefrauen verloren hatten.“ Das menschliche Leid sei unbeschreiblich gewesen.

Überlebender berichtet

Einer der wenigen Überlebenden der Katastrophe war der Bergmann Friedrich Hägerling. Er starb zwar 2013 im Alter von 91 Jahren, seine Erinnerungen sind jedoch auf der Seite des Knappenvereins Glückauf-Südkamen dokumentiert. Hägerling arbeitete am 20. Februar 1946 in fast 1000 Meter Tiefe an der Kohle, als sich eine gewaltige Explosion ereignete. "Da war dieser unglaublich laute Knall. Im nächsten Moment flog alles durch die Gegend. Die Luft war voller Kohlenstaub und so schwarz, dass wir unsere Lampen nicht mehr sahen. Erst haben wir gar nicht begriffen, was da los war. Und diejenigen von uns, die noch laufen konnten, schleppten die Verletzten." Er überlebte nur durch Glück. 

Doch wie kam es zu dem Unglück? „Sicher ist, dass schon während des Krieges Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten worden waren“, sagt Litzinger. So habe es auf der Schachtanlage bereits im September 1944 ein schweres Unglück mit 107 Toten gegeben. „Vor allem waren es russische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene.“ Litzinger verweist außerdem auf den extrem hohen Methangasanteil der auf Grimberg abgebauten Kohle. Ob auch 1946 Sicherheitsbestimmungen verletzt wurden, konnten monatelange Untersuchungen und Vernehmungen von überlebenden Bergleuten allerdings nicht klären.

Unvergessen in Bevölkerung

Die Bevölkerung in Bergkamen hat das Unglück nicht vergessen. „Es war eine Katastrophe von unvorstellbarem Ausmaß. Das Bewusstsein ist immer noch sehr hoch. Die Menschen sind berührt und betroffen“, berichtet Litzinger. 

 

 

Das Grimberg-Unglück hatte unmittelbare Folgen für das Rettungswesen: Die bisherigen Sauerstoffgeräte der Grubenwehr mit einem Sauerstoffvorrat für zwei Stunden hatten sich auf Grimberg als unzureichend erwiesen. Daher wurden neue Geräte mit einer Einsatzfähigkeit von vier bis acht Stunden entwickelt, wie der Leiter des Montanhistorischen Dokumentationszentrums in Bochum, Michael Farrenkopf, berichtet. 1952 wurden sie nach jahrelangen Erprobungen zugelassen.

Kohlenmonoxid-Vergiftung

Die Untersuchungen nach dem Unglück hatten auch ergeben, dass die meisten Bergleute an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung gestorben waren. Dabei war eine technische Lösung bereits seit den 30er Jahren vorhanden: Ein CO-Filtergerät, das der Bergmann stets bei sich tragen konnte. „Etwa die Hälfte aller auf Grimberg gestorbenen Bergleute hätte sich mit einem Filterselbstretter in Sicherheit bringen können“, sagt Farrenkopf. Schon wenige Jahre nach dem Unglück wurden daher diese Fluchtgeräte für alle im Steinkohlenbergbau tätigen Personen eingeführt. Bis heute müssen unter Tage alle Beschäftigen und auch Besucher solch einen Apparat mit sich führen. 

 

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