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Größter Mann der Welt zu Besuch in Vreden

Rekordhalter kauft Schuhe

Eine Kommazahl bestimmt das Leben von Sultan Kösen. Wie viel er in der Schule lernen konnte, wie oft er ins Krankenhaus muss, welche Menschen er kennen lernt und welche Schuhe er trägt: 2,51 Meter – das ist seine Körperlänge vom Scheitel bis zur Sohle. Damit ist der 29-Jährige laut Guinness-Buch der Rekorde der größte Mensch der Welt. In Vreden hat er sich bei einem Spezialgeschäft neue Schuhe gekauft.

Vreden

von Von Dominique Snjka

, 12.06.2012

 Er trägt Schuhgröße 60. Das sind ungewöhnliche Maße. Deswegen ist der junge Türke ins 4000 Kilometer entfernte Vreden gereist.  Georg Wessels hat schlecht geschlafen. Er hat geträumt, dass Sultan Kösen am Geländer das Gleichgewicht verliert und ins Untergeschoss des Schuhhauses hinabstürzt. Und deshalb soll der größte Mensch der Welt beim Fototermin auch nicht in der Nähe der Treppe stehen. Vergangenes Jahr sei Kösen gestürzt und habe sich ein Bein gebrochen. Der lange Körper macht seinen Schritt unsicher. Wessels sieht besorgt aus, die dunkelbraunen Schuhe im Arm vor der Brust.

Zwei Paare hat das Vredener Schuhhaus für Übergrößen für Kösen gefertigt, die alten sind verschlissen. Schuhe, die Wessels von einem Ellenbogen bis zum anderen reichen. Das Vredener Fachgeschäft stattet seit 30 Jahren die weltweit größten Menschen aus. „Das ist meine Mission. Diese Menschen haben sonst keine Lobby“, sagt Wessels. Die Schuhe schenkt er Kösen, ebenso den Flug und die Übernachtungen im Hotel. Mit den Krücken an der Wand daneben wirkt der schlanke Mann im schwarzen Sakko auf dem übergroßen Stuhl gebrechlich. Ohne die Gehhilfen kann er nicht laufen. In seinem Gehirn sitzt ein gutartiger Tumor, der Wachstumshormone freisetzt. Sie bewirken das übermäßige Wachstum, das auch die Organe mit einschließt. Die Hand zur Begrüßung verschwindet ganz in der seinen – der größten Hand der Welt. Auch diesen Guinness-Buch-Rekord hält er, den der größten Füße auch.

Kösen spricht bedächtig. Er wirkt müde, lächelt trotzdem freundlich. Am Montag ist er mit dem Flieger in Düsseldorf gelandet. Der Pressetermin im Schuhhaus ist der erste von vielen in den vier Tagen, in denen Kösen in Deutschland ist. Alle wollen ihn sehen, sich mit ihm fotografieren lassen. Wessels kniet am Boden und bindet dem Gast die Schuhe. Sie passen – Erleichterung liegt in Kösens Blick. Er umarmt Wessels, der ihm gerade bis zur Brust reicht. Die nächste Verabredung wartet. Der Türke schleppt sich auf Krücken zum Eingang. 1,75 Meter: So groß war Kösen mit zehn Jahren. Ein Dolmetscher übersetzt aus dem Türkischen: „Die anderen Kindern haben mich gehänselt.“ Der Tumor schädigt seine Augen, der gebürtige Anatolier kann nicht gut sehen. Die Möbel in der Schule sind viel zu klein für ihn. Bald ist er mehr im Krankenhaus als dort. Seine Eltern seien traurig gewesen: „Aber sie haben mich unterstützt.“ Nach der achten Klasse muss er die Schule abbrechen. Von da an hütet er Ziegen. Etwas anderes sieht er erst, als das Guiness-Buch Wessels beauftragt, Schuhe für den Riesen zu schustern. Plötzlich will ihn die Welt sehen: Erst kürzlich war er bei einer Kaufhauseröffnung in Thailand. Reich wird er durch den Rummel nicht: „Es ist immer knapp“, sagt er.

   2,47 Meter – das war seine Größe vor zwei Jahren. Seitdem ist er weiter gewachsen. Amerikanische Ärzte haben den Tumor entfernt, hoffen, so das Wachstum zu stoppen. Im Netz gibt es ein Bild von Kösen mit dem kleinsten Menschen der Welt: Er fühle sich nicht vorgeführt, so Kösen: „Ich habe da einfach nur die Türkei repräsentiert.“ Noch in diesem Jahr will er seine Freundin heiraten. Seinen Verlobungsring in Übergröße fertigt die Vredener Schmuckmanufaktur Niessing.

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