Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Nachfahrin auf Spurensuche

Enkelin von Hanna Mogendorff

Eine junge Frau aus Argentinien nutzt ihre Zeit in Deutschland für ein Praktikum bei einem großen Unternehmen – aber für Melisa Reutlinger stellt ihr Aufenthalt in Vreden noch viel mehr dar: Die Enkelin von Hanna Mogendorff ist an den Ort zurückgekehrt, den ihre Großmutter 1939 verlassen musste.

VREDEN

, 05.11.2014

Die jüdische Familie floh vor dem Terror der Nationalsozialisten. Ihr Weg führte sie zuerst in die benachbarten Niederlande, bald darauf suchten die Mogendorffs Zuflucht in Südamerika, in Uruguay. Der jetzige Aufenthalt der 29-jährigen Melisa Reutlinger in Vreden bewegt Walbert und Ruth Terhürne sehr: Sie haben die junge Frau für vier Wochen aufgenommen. „Ein Kreis schließt sich“, sagt Ruth Terhürne.

Melisa Reitlinger sitzt bei Kerzenlicht im gemütlichen Wintergarten der Familie. Sie ist nicht zum ersten Mal dort – und nicht zufällig. Denn auch die Familie Terhürne hat starke Beziehungen zu Südamerika. Walbert Terhürne lebte lange Zeit mit seinen Eltern und Geschwistern dort. 1953 waren sie dorthin ausgewandert. „Meine Mutter kannte Fritz Mogendorf“, berichtet Terhürne. Fritz war einer der Brüder von Hanna, Ernst der andere, und ihr Cousin Heinz Mogendorff war ebenfalls emigriert. Die Terhürnes hielten in Uruguay engen Kontakt zur Familie Mogendorff. Vater Hermann Mogendorff interessierte sich immer sehr für die Nachrichten, die die Terhürnes aus der gemeinsamen Heimatstadt erhielten.

Als Zwölfjährige hatte Hanna Mogendorff Vreden verlassen müssen. In Uruguay fand sie ein erstes neues Zuhause, in Argentinien ein zweites: Bei einem Verwandtenbesuch dort lernte sie ihren späteren Mann kennen, der aus Anröchte stammt. „Meine Oma hat uns ihre Erinnerungen an Vreden weitergegeben“, berichtet Melisa Reutlinger. Dazu zählte auch der traumatische Schock, den die Ereignisse der Pogromnacht vom 9. November 1938 bei dem jungen Mädchen und ihren Angehörigen auslösten – ein Schrecken, der sich so tief in ihre Seelen brannte, das eine dauerhafte Rückkehr in das Land der Täter für die jüdischen Emigranten nicht in Frage kam.

Die Verfolgung der Juden durch die NS-Diktatur erfuhr auch in Vreden in der Pogromnacht vom 9. November einen ersten schrecklichen Höhepunkt. Der Bericht von Heinz Mogendorff darüber ist in dem Band „Tausend Jahre – Vreden 1933-1945“ festgehalten. Heinz Mogendorff schreibt unter anderem: „Unsere Wohnung damals in Vreden in der Windmühlenstraße 69-71 wurde in der Nacht vom 9./10. November total zerstört. Fenster, Türen, Inneneinrichtung – alles wurde zerschlagen. Am 10. November ging ich mit meinem Vater durch die Straßen von Vreden, und wir sahen dort dieselben Schäden an jüdischen Wohnungen – überall voll mit Trümmern. Wir beide (mein Vater und ich) wurden von zwei Gestapo-Elementen mit gezogenem Revolver gezwungen, die Autoschlüssel von unserem BMW herzugeben. Es blieb uns nichts anderes übrig, als dem Befehl zu gehorchen.“

„Aber meine Großmutter ist sehr glücklich, dass ich jetzt hier bin und ihre Heimat sehen kann“, sagt Melisa Reutlinger. Sie begibt sich mit Hilfe der Familie Terhürne in ihrer Freizeit auf die Spuren der Geschichte. Dazu zählte auch eine Tour mit einem für sie ungewohnten Verkehrsmittel. Per Fahrrad ging es in die Niederlande: „Ich habe dort Lakritz gekauft, den ich meiner Oma mitbringen will.“ Hilfe gibt es auch bei der Spurensuche vor Ort, sei es durch Bilder aus dem Archiv von Werner Welper oder im Gespräch mit der Historikerin Ingeborg Höting, sei es in den vielen Begegnungen, offiziellen und inoffiziellen. Melisa Reitlinger hat dieses Mal mehr Zeit mitgebracht für Vreden. Das war bei ihrem ersten Besuch noch nicht so: Sie erinnert sich lachend, wie sie im Jahr 2008 mit Bahn und Bus spontan aus Köln in die Widukindstadt gekommen war – ohne Deutschkenntnisse, aber mit dem Namen der befreundeten Familie Terhürne im mehr als sparsamen Gepäck. Als Walbert und Ruth Terhürne damals spät am Abend klar wurde, wer da in Vreden eingetroffen war, zögerten sie keine Sekunde – und Melisa Reutlinger hatte nicht nur eine Unterkunft für eine Nacht gefunden, sondern Freunde fürs Leben.

Die junge Frau ist jetzt schon zum dritten Mal da – diesmal für vier Wochen. Sie lebt inzwischen in Berlin, möchte Industriekauffrau werden und freut sich über die Gelegenheit, vier Wochen lang ein Praktikum bei Schmitz Cargobull absolvieren zu können. Die Erzählungen der Großmutter hatten in ihr den Wunsch ausgelöst, Deutschland und Vreden näher kennenzulernen. „Ich bin überall sehr herzlich und offen aufgenommen worden“, unterstreicht sie. Melisa Reutlinger kann sich sogar vorstellen, für immer in Deutschland zu leben. Und sie will am Sonntag an der Gedenkfeier teilnehmen, die am Sonntag um 18 Uhr an der Synagogengedenkstätte in der Twicklerstraße stattfindet. Auch das ein Kreis, der sich schließt, und ein Ereignis, das berührt.  

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt