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Wahrheit ist nicht zumutbar

BOCHUM Liebe, Tod, Verrat, Geldgier - es sind archaische Themen, hineingesetzt in pralles Leben, die Tennessee Williams in "Die Katze auf dem heißen Blechdach" beschreibt. Markus Dietz inszeniert jetzt das 50 Jahre alte Bühnenstück. Mit Charles Brauer als Big Daddy hat er einen prominenten Hauptdarsteller.

von Von Ronny von Wangenheim

, 25.10.2007
Wahrheit ist nicht zumutbar

<p>Markus Dietz inszeniert zum ersten Mal am Bochumer Theater. Am Samstag ist im Schauspielhaus Premiere. Grosler</p>

"Die Katze auf dem heißen Blechdach: Kenn ich". Sagt jeder und meint doch nur den Film, meint Elisabeth Taylor und Paul Newman als Maggie und Brick. "Das Theaterstück ist von großer Härte und Entschlossenheit", erläutert Markus Dietz den Unterschied.

Homosexueller Brick

Das homosexuelle Verhältnis zwischen Brick und seinem toten Freund Skipper beispielsweise wurde im Film völlig verleugnet. "Das ging damals gar nicht." Und Big Mama, in Bochum von Sabine Orléans gespielt, ist eine starke Frau, die den Laden längst übernommen hat und nicht die Leidende ist, wie der Film sie zeigt. Auch das Happy End des Films, das einen Neuanfang andeutet, verbietet sich im Stück.

Kazans Einfluss

Es geht noch weiter. Dietz hat bei seinen Recherchen entdeckt, dass Tennessee Williams während des Schreibens im ständigen Kontakt mit Elia Kazan war, der schon "Endstation Sehnsucht" uraufgeführt hatte. Figuren wie Maggie beispielsweise hat er unter diesem Einfluss abgemildert. Der Regisseur: "Ich versuche, die Spitzen wieder zu setzen."

Williams führt eine Familie zusammen, vordergründig, um den Geburtstag von Big Daddy zu feiern, vor allem aber, um die Nachfolge zu regeln und um das Erbe zu streiten. Denn Big Daddy, der glaubt, nach langer Krankheit endlich gesund zu sein, wird nicht mehr lange leben. Das weiß seine Frau, wissen seine Kinder.

Gespenster

Wie damit umgehen? "Wahrheit ist nicht zumutbar" dreht Markus Dietz einen Satz von Ingeborg Bachmann ins Gegenteil. Tennessee Williams zeige, dass ausgesprochene Wahrheiten nicht zur Lösung der Konflikte führen würden. "Sie fordern wie Maggie die Wahrheit ein, können aber nicht damit umgehen." Hier sieht Dietz im Übrigen eine Verbindung zur zweiten Premiere des Wochenendes. Ibsens "Gespenster" zeigen auf andere Weise eine Familie in den Verstrickungen von Lüge und Wahrheit (wir berichteten).

Leben und Tod ist für den 46-jährigen Regisseur das zweite Gegensatzpaar, das Tennessee Williams thematisiert. Der Tod ist in Gestalt Big Daddys immer präsent. "Alle Figuren sind mit einem großen Lebenshunger ausgestattet". Alle außer Brick (Marc Oliver Schulze), der buchstäblich lebensmüde ist, sich zu Tode trinkt.

Renaissance

Die Darstellung prallen Lebens, dieser schonungslose Blick auf die Menschen macht den Schauspielern Spaß. Und anscheinend auch den Zuschauern. Tennessee Williams erlebt zurzeit eine Renaissance.

In Bochum ist "Die Katze auf dem heißen Blechdach" nach "Endstation Sehnsucht" das zweite Stück des amerikanischen Autors. "Es hat das Haus interessiert, nach dem Blick einer jungen Regisseurin wie Jorinde Dröse auf das Stück, nun eine zweite Inszenierung zu zeigen, die eine ganz andere Ästhetik hat", erläutert Dramaturg Dietmar Böck.